Startseite

Fragmentisches Bewusstsein


Neues Bewusstsein
Neues Bewusstsein
Essenz des Daseins
Essenz des Daseins
Ab Mitte 20. Jahrhundert
Ab Mitte 20. Jahrhundert
Des-Integration des Individuums
Des-Integration des Individuums
Post-rationale Grundlagen
Post-rationale Grundlagen
Versuch einer Abgrenzung
Versuch einer Abgrenzung
Ein bisschen Optimismus
Ein bisschen Optimismus


Fragmentisches Bewussstsein

Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat das rationale Bewusstsein seinen Zenit erreicht. Es wird wie die früheren Bewusstseinsformen auch weiterwirken, aber seine Bedeutung als westliches Hauptbewusstsein einbüssen. Doch was kommt als Nächstes? Wie wird das neue Bewusstsein sein? Wir können es nicht wissen. Aber wir können Techniken und Weisheit der bisherigen Bewusstseinsformen nutzen und die bereits sichtbaren Spuren der neuen erforschen. Diesem Vorhaben widme ich meine Zeit und Energie. Hier ein paar vorläufige Hinweise, in welche Richtung es gehen dürfte. Ich werde das Thema Schritt für Schritt ergänzen.

Ich bezeichne das sich neu zeigende Bewusstsein als fragmentisch. Mir ist klar, dass dies dem spirituellen Mainstream widerspricht, der vielmehr ein integrales Bewusstsein aufkommen sieht. Ich habe jahrelang ebenfalls in diese Richtung tendiert, mich aber immer wieder an Unstimmigkeiten gestossen. Mit dem fragmentischen Bewusstsein baue ich nun auf meiner eigenen Welterfahrung auf.

Das neue Bewusstsein zeigt sich mir als zutiefst pluralistisch. Mit einem ausgeprägten Sinn für Perspektivenwechsel. Während das rationale, mythische wie auch das transzendente Bewusstsein eine einmal verankerte Sichtweise nur sehr ungern aufgibt, gefällt sich das neue in der Veränderung. So werden viele angeblich unverbrüchliche Deutungsmonopole ihre Wirkung verlieren.

Aber es geht noch weiter: Anders als integrales Bewusstsein distanziert sich das fragmentische nicht von Trennungen oder Gegensätzen, vielmehr lenkt es die Aufmerksamkeit sogar ausdrücklich auf Bruchstücke, Widersprüche, Paradoxien und dergleichen. Daher die Namensgebung abgeleitet von Fragmenten. Das Nicht-Ganze wird geachtet statt beklagt. Das Fehlende und das Dazwischen wird kraftvoll ausgelotet.

Das fragmentische Bewusstsein ist immer noch ein vernunftbasiertes Kopfbewusstsein, bringt jedoch qualitative Elemente stärker zum Zug als das auf Quantitatives fixierte rationale Bewusstsein. Dadurch wird der Mensch mitfühlender. Die Perspektive des jeweiligen Gegenübers nimmt an Wichtigkeit zu. Und zwar nicht nur, falls das Gegenüber angenehm oder nützlich ist.

Die beiden noch dominierenden Bewusstseinsformen, die mythische und die rationale, versuchen mit grosser Kraft, Homogenität zu schaffen, und zwar gemessen an dem, was angenehm ist. Letztlich wird ein biologisches Phänomen (angenehm, schön) zu einem moralischen Gebot (gut, lieb) gemacht. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, denn es ist schön, wenn es einem Menschen gut geht. Das mythische und das rationale Bewusstsein orientiert sich an der Biologie, indem es sich dem Angenehmen zu- und vom Nicht-Angenehmen abwendet. Das fragmentische Bewusstsein wird nun aber darüber hinausgehen, indem es sich auch dem Nicht-Guten, dem Gebrochenen, dem Üblen, zuwendet und ihm eine neue Bedeutung verleihen wird. Nicht etwa, um das Unangenehme zu verstärken, sondern um es ebenso ins bewusste Dasein aufzunehmen, wie das Angenehme.

Mit dem Perspektivenwechsel als ein Kernelement wird das fragmentische Bewusstsein fast automatisch ganzheitlicher (systemischer) und einfühlsamer. Es kräftigt eine partizipative und empathische Haltung des Menschen gegenüber anderen und der Natur und der Welt. Innerhalb dieser Bewegung wird dann auch das Integrale auftauchen als ein Bruchstück neben anderen. Das Ganze ist eben auch nicht alles, weil es das Nicht-Ganze ausser Acht lässt.

Für das Individuum wird der Übergang in ein fragmentisches Bewusstsein schwierig sein. Das mag vor allem künftige Generationen betreffen, aber manche Menschen werden in Flashes bereits jetzt damit konfrontiert. Virtuelle und fiktive Identitäten im Internet deuten ebenfalls bereits auf fragmentierte Persönlichkeitsstrukturen hin. Zukünftige Generationen werden unweigerlich mit Identitätsverlust und Desintegration des Individuums kämpfen. Integritäts- und Identitätsbrüche werden vor allem in der Anfangsphase ausgesprochen belastend sein, wenn die neuen bewussten Verbindungen noch nicht etabliert sind.

Zeitliche Einordnung

Das rationale Bewusstsein ist vor rund zweieinhalb Tausend Jahren zum ersten Mal sichtbar geworden. Es war die Zeit der spätmythischen Depression. Die Götter zweifelten an den Menschen, wie überlieferte Mythen berichten, und die Menschen verzweifelten an den Herausforderungen, die sich aus den Erfolgen des mythischen Bewusstseins ergeben hatten. Schon damals war von Überbevölkerung und Übernutzung die Rede. Das mythische Bewusstsein vermochte die Probleme nicht mehr lösen, während das rationale eine neue Weltsicht einbrachte, anders an die Dinge heranging und in kritischen Bereichen eine spürbare Entlastung brachte.

Für mich ist klar, dass das rationale Bewusstsein im 20. Jahrhundert seinen Zenit ebenfalls erreicht hat und nun selber in eine Art spätrationale Hektik geraten ist. Viele Verwerfungen, die auch der rationale Erfolg aufgetürmt hat, werden mit diesem aber nicht mehr gelöst werden. Ganz besonders gilt das für die Klimakrise. Das rationale Bewusstsein wird seine Kraft als westliches Hauptbewusstsein einbüssen. Das ist ein allmählicher Prozess, der viele Jahrzehnte und vermutlich Jahrhunderte erstrecken wird, wie das bei solch grossen Vorgängen halt ist.

Bemerkenswert scheint mir, dass das rationale Bewusstsein vor 100 Jahren selber die eignen Grenzen aufgezeigt hat. Dabei denke ich etwa an die grosse Kränkung des Selbstverständnisses als Mensch, als die Psychoanalyse auf die Tatsache aufmerksam machte, dass das Individuum keine homogene und unteilbare Einheit sei, sondern vielmehr ausgestattet mit einem heterogenen und unberechenbaren Inneren. Für ein Bewusstsein, bei dem sich alles um das stolze Individuum dreht, das sich dank seiner Vernunft aus den mythischen Stammesvorgaben und dann auch noch von Gott gelöst hat, ist das eine ziemliche Ernüchterung. Ausserdem denke ich an die Erkenntnisse der formalen Logik, als klar wurde, dass jedes logische System einer gewissen Aussagekraft einen Satz enthält, der genau dann wahr ist, wenn er falsch ist. Man darf sich die Formulierung durchaus etwas auf der Zunge zergehen lassen. Für ein Bewusstsein, bei dem Logik und Mathematik zur grundlegenden Basis des Weltverständnisses gehören, war diese Erkenntnis ein Schock. Der vernunftbasierte Weltzugang hat Grenzen. Es kann keine logische Letztbegründung für irgendetwas geben.

Über das Dasein der Menschheit als Homo Sapiens betrachtet, ist die Dauer der Bewusstseinsformen laufend kürzer geworden:
Hauptbewusstsein archetypisch - zwischen 200'000 und 300'000 Jahren
Hauptbewusstsein magisch - ca. 70'000 Jahre
Hauptbewusstsein mythisch - rund 10'000 Jahren
Hauptbewusstsein rational - ziemlich genau 2'000 Jahre
Hauptbewusstsein fragmentisch - schrittweise ab 21. Jahrhundert

Falls das gleich weitergeht, wird sich das neue, fragmentische Bewusstsein über mehrere Jahrhunderte entwickeln und sich nach und nach als Hauptbewusstsein zu den schon vorhandenen Bewusstseinsformen, der rationalen, transzendenten, mythischen, magischen und archaischen, dazugesellen.

Um herauszufinden, wie wird dieses neue Bewusstsein sein, benutze ich Methoden und Weisheit der bisherigen Bewusstseinsformen und erforsche die grob ab Mitte 20. Jahrhundert sichtbaren ersten Spuren.

Pluralismus und Perspektivenwechsel

Bevor ich das fragmentische Bewusstsein näher beschreibe, möchte ich kurz die Ausgangslage am Übergang zum 21. Jahrhundert skizzieren. Die einfachste Beschreibung des Überganges zum neuen Bewusstsein würde wie folgt lauten: Das fragmentische Bewusstsein löst das rationale ab so wie das rationale vor rund zweitausend Jahren das mythische abgelöst hat. Aber so einfach ist es nicht: das fragmentische Bewusstsein fügt sich den alten Bewusstseinsformen hinzu, es löst sie nicht ab.

Die früheren Bewusstseinsformen (mythisch, transzendent, rational) sind monistisch, d.h. auf ein letztes Einziges ausgerichtet. Bei ihnen dominiert das Eigene deutlich vor dem Anderen. Deshalb treten sie lieber separiert in ihrer Welt auf.

Weil mythisches Bewusstsein auf Stämme, Clans, Ethnien und Gemeinschaften ausgerichtet ist, betont es die Einzigartigkeit innerhalb der eigenen Gemeinschaft. Das ist durchaus wertend zu verstehen: Der eigene Stamm mit seinen Traditionen ist deutlich mehr wert als fremde Stämme. Die eigenen Menschen zählen mehr als fremde. Die eigenen Mythen deuten den Kosmos wahrhaftiger als fremde. Und über all dies hinaus lehnt mythisches Bewusstsein den rationalen Weltzugang weitgehend ab.

Ganz ähnlich das alte transzendente Bewusstsein, das auf abgeschlossene Religionen mit endgültigen Aussagen abzielt und andere Religionen und Bewusstseinsformen fernhält.

Im rationalen Bewusstsein betrifft die monistische Grundausrichtung vor allem das individuelle Ich-Selbst: Das autonome Individuum kann fast nicht anders als sich im Zentrum der Welt zu sehen. Selbstwert ist wichtiger als der Wert der Gemeinschaft. Darüber hinaus ist rationales Denken spätestens seit der Zeit der Aufklärung davon überzeugt, die alten Bewusstseinsformen endgültig überwunden zu haben.

All diese Bewusstseinsformen sind jeweils auf ein Einziges im Innern gerichtet und dadurch abgegrenzt vom Anderen und vom Äusseren. Jede kämpft von sich aus für die alleinige Deutungshoheit in der Welt. Das führt insbesondere zu einer handfesten Rivalität zwischen mythischem und rationalem Denken, die die modernen westlichen Gesellschaften ziemlich plagt.

Mit dem Übergang zum fragmentischen Bewusstsein wird aber deutlich, dass die Menschen auch die alten Bewusstseinsformen in sich tragen. Dann ist ein einzelner Mensch nicht mehr rein rational oder mythisch, sondern verfügt über ein Hauptbewusstsein neben all den anderen auch. Das Hauptbewusstsein ist die am stärksten wirksame Bewusstseinsform eines Menschen. Dasselbe gilt für die Menschheit als Kollektiv. Das aktuelle westliche Menschheitsbewusstsein ist rational, obwohl vermutlich mehr Menschen auf der Erde mythisches Hauptbewusstsein haben als rationales.

Grob geschätzt haben 40% der westlichen Menschen mythisches Hauptbewusstsein. Diese ziehen alte Kulturen und altes Wissen vor und sind durchaus skeptisch gegenüber moderner Technik, Wissenschaften und Medizin. Ebenfalls rund 40% haben rationales Hauptbewusstsein. Sie betrachten frühere Bewusstseinsformen als kindisch und lehnen sie ab. Gegen 20% der Menschen erfahren Ansätze zu fragmentischem Hauptbewusstsein. In diesem Bewusstsein wird erkennbar, dass wir heutigen Menschen mehrere Bewusstseinsformen in uns tragen und uns in unterschiedliche Wirklichkeiten hineinbegeben können. So kann sich die Persönlichkeit auf vielfältige Weise mit der Welt in Beziehung setzen. Und schliesslich mögen ein paar Prozent kleine Anteile magisches oder integrales Hauptbewusstsein haben.

Interessanterweise werden auch Menschen mit rationalem und mythischem Hauptbewusstsein älteres Bewusstsein zurückgeworfen obwohl sie eigentlich davon ausgehen, dieses überwunden zu haben. Weil das in der Regel unbewusst und in Notlagen geschieht, erfolgt der Rückgriff leider meist auf die negativen Merkmale des alten Bewusstseins, so wie mythische Abgrenzung und Abwertung des Anderen oder magische Machtausübung, auch mit Gewalt.

Demgegenüber können fragmentische Menschen bewusst auf die positiven Merkmale aller Bewusstseinsformen zurückgreifen, wenn sie das lernen. Das wäre namentlich tiefe Geborgenheit im mythischen oder unverstellte Körperlichkeit im magischen Bewusstsein.

Was am fragmentischen Bewusstsein also zuerst auffällt, ist seine zutiefst pluralistische Grundhaltung. Nachdem diese in die Welt gekommen ist, können sich die Spannungen zwischen unterschiedlichen Bewusstseinsformen allmählich auflösen. Der Wechsel der Perspektive war natürlich immer schon möglich, aber im neuen Bewusstsein greift er viel tiefer. Die neue Lust am und das wachsende Bedürfnis nach Perspektivenwechseln führt zu Multipluralität, in ein Vielfaches aus Teilen, Standpunkten, Übergängen und Fügungen. Dieses neue Bewusstsein, so wie es sich mir zeigt, ist fragmentisch.

Während das mythische und das rationale Bewusstsein jeweils Anspruch auf das eigene Deutungsmonopol erhoben haben, geht das pluralistische fragmentische Bewusstsein davon aus, dass es für die Welt mehrere Deutungsrahmen gibt. So werden auch die alten Bewusstseinsformen und Wirklichkeiten wieder mit einbezogen. Dabei wird die wissenschaftliche Weltsicht des rationalen Bewusstseins ergänzt mit den heute zumeist als etwas weicher und spiritueller empfundenen Zugangsweisen des mythischen und transzendenten Bewusstseins.

Und während im Zentrum des rationalen Bewusstseins das einzelne Individuum steht, beschäftigt sich das fragmentische hauptsächlich mit untereinander verwobenen Systemen. Und während das rationale Bewusstsein auf quantitative Aspekte des Daseins fokussiert, gewichtet das fragmentische das Qualitative höher. Empathie und Mitgefühl nehmen zu.

Fragmentisches ist immer noch ein vernunftbasiertes Kopfbewusstsein, bringt jedoch qualitative Elemente stärker zum Zug als das auf Quantitatives fixierte rationale. Die pluralistische Perspektive des jeweiligen Gegenübers nimmt an Wichtigkeit zu. Dadurch kann der Mensch noch einmal mitfühlender werden.

Das eröffnet neue Möglichkeiten. Aber auch neue Probleme. Zunehmende Komplexität zum Beispiel. Das Leben wird vielfacher, nicht einfacher, wenn es mehrere Welterklärungssysteme, aber keine letztgültige Perspektive gibt. Auch wohnt dem Pluralistischen ein Hang zur Beliebigkeit inne, was neue Schwierigkeiten schafft. Wenn alles irgendwie möglich ist, dann scheint auch alles irgendwie gleichwertig, was natürlich faktisch nicht so ist. Es braucht Übung, Zeit und Aufwand, um sich im neuen Bewusstsein zurechtzufinden.

Fragmentisches und/oder integrales Bewusstsein

Als ich vor Jahren begann, mich mit Bewusstseinsentwicklung zu beschäftigen, haben mich ganz besonders die Schriften von Jean Gebser (Ursprung und Gegenwart) und Ken Wilber (Integral Spirituality) beeindruckt und beeinflusst. Dabei bin ich erstmals auf Beschreibungen eines neuen Bewusstseins gestossen, welches als integral beschrieben wurde. Auch die zahlreichen Spielarten integraler Theorie und Praxis, wie sie in spirituellen und esoterischen Kreisen beliebt sind, kann ich nicht ignorieren. Sie alle sprechen vom Integralen als einem Bewusstsein, das Trennungen überwindet und auf ein integriertes Ganzes hinwirkt. Der Begriff des Integralen in der philosophisch-spirituellen Diskussion ist differenziert und geniesst völlig zurecht einiges Ansehen. Auf dieser Grundlage habe ich das Integrale ohne viel nachzudenken als neues, post-rationales Bewusstsein übernommen und das entstehende Bewusstsein in meinen damaligen Büchern ebenfalls integral genannt.

Allerdings bin ich ein gewisses Unbehagen nie ganz losgeworden und das hängt mit sprachlichen Unterschieden von integrierend und integral zusammen.

Integrierende Techniken sind wertvoll. Mit ihnen verbinden wir uns auch mit dem, was wir nicht sein möchten, aber halt trotzdem sind. Wir arrangieren uns auch mit dem Unschönen, Negativen, Schlimmen, Leidvollen, weil es zum Leben gehört. Wir nehmen die Welt, wie sie ist, und interpretieren sie nicht so, wie wir sie gerne hätten. Durch Integration machen wir vormals Unbewusstes bewusst und beschäftigen uns damit, statt uns davon zu distanzieren. Dadurch werden wir vollständiger, ganzer. Integrieren macht Fragmente bewusst und spielt auch im fragmentischen Bewusstsein eine sehr wichtige Rolle.

Demgegenüber habe ich mich von der Idee eines integralen Bewusstseins auf eine falsche Fährte führen lassen. Das betrifft insbesondere die drei nachfolgenden Punkte:

Sehnsucht nach einem erlösenden Ganzen: Die Dinge integral zu betrachten bedeutet, alles einzubeziehen, ins Bewusstsein zu integrieren. Doch mit dem Begriff des Integralen wird auch Bezug zu einer Ganzheit hergestellt, welche meines Erachtens allzu oft überhöht und überbewertet wird. Dann wird ein universelles Ganzes gerne als verlorene Einheit gesehen, die es wiederzuerlangen gelte. Integrales Bewusstsein werde letztlich all die Trennungen, die durch menschliches Erkennen in die Welt gekommen seien, überwinden. Es werde zu einer finalen Ganzheit und wundersamen Entlastung von irdischem Leiden führen. Aber daran kann ich nicht glauben. Im Gegensatz dazu geht das fragmentische Bewusstsein davon aus, dass es für bewusste Menschen keine endgültigen Lösungen geben kann, auch nicht in einem irgendwie zu erreichenden Ganzen.

Geringschätzung des Nicht-Ganzen: Mit der Huldigung des universellen Ganzen verbunden ist die Geringschätzung des Kleinen, Gebrochenen, Unvollständigen. Es liegt in der Natur der Menschen, das Schmerzhafte zu meiden, Krankheiten zu heilen und Leiden zu überwinden. Deshalb wird offenbar gerne geschlossen Glücklichsein, Liebe, Licht und Einheit seien nur gut während umgekehrt Leiden, Gewalt, das Dunkle und Bruchstücke nur schlecht seien. Weiter wird gefolgert, sich ausschliesslich Ersterem zuzuwenden und Letzteres vollständig aus dem Leben auszuschliessen. Doch das ist meines Erachtens ein Fehler sein, wenn es um Bewusstsein geht.

Zivilisationskritik: Die Ausgangslage für integrales Bewusstsein wird in der Literatur fast durchwegs mit dem vermeintlich schlechten Zustand moderner Zeit begründet. Oft läuft das auf ein eigentliches Zivilisations-Bashing hinaus. Die Missbilligung rationalen Bewusstseins in modernen Gesellschaften mündet letztlich in der Überzeugung, dass das Leben früher sehr viel besser gewesen sei und mit dem integralen Bewusstsein auch wieder sehr viel besser sein werde. Dem kann ich nicht zustimmen. Sämtliche Bewusstseinsformen, ob ältere, aktuelle oder zukünftige, haben gleichermassen Vorzüge wie auch Nachteile.

Auch ich kenne den tiefen Wunsch nach Entlastung vom Leiden und das Streben nach universeller Gültigkeit. Erlösungssehnsucht drückte sich bei mir jahrzehntelang als ausgeprägtes Harmoniebedürfnis aus: ich bin unbewusst davon ausgegangen, dass die Welt gut sein muss, damit es mir gut gehen kann. Doch unterdessen suche ich nicht mehr so sehr, was uns Menschen guttut, sondern ich erforsche das Bewusstsein, so wie es ist und nicht mehr so, wie ich es gerne hätte.

Wenn ich also meine eigenen Harmoniebedürfnisse herausrechne, wenn ich meinen Schmerz am Leiden der Menschen in der Welt in den Hintergrund meditiere, wenn ich die entsprechenden kognitiven Verzerrungen überwinde und das neue Bewusstsein möglichst direkt gewahre, dann zeigt sich mir durchaus ein integrierendes, aber kein integrales Bewusstsein. Dabei zeigt sich ein Bewusstsein das sich intensiv mit Bruchstellen und Lücken des Daseins, mit Widersprüchen der Weltwahrnehmung und mit Limiten der Weltkreation auseinandersetzt. Ich treffe auf ein Bewusstsein, das sich achtsam zwischen den unterschiedlichsten Fragmenten des Daseins bewegt.

Was ich jedoch nicht erkenne, ist ein zukünftiges Bewusstsein, das unsere menschlichen und moralischen Herausforderungen schon fast automatisch beheben würde, etwa indem es die als leidig betrachteten Trennungen durch Integration überwindet oder indem es in Zukunft auf eine wie auch immer geartete höhere Schwingungsebene wechselt. Nicht ein zukünftiges Bewusstsein auf einer höheren Schwingungseben wird das Schlimme aus der Welt entfernen, das müssen wir Menschen schon selber in jeder einzelnen Handlung tun, ganz unabhängig vom Bewusstsein, das wir vorziehen.

Für mich ist der Weltzugang über fragmentisches Bewusstsein sehr viel stimmiger als über das integrale.

Bewusstsein und Klimakrise

Vor über zweitausend Jahren ist das spätmythische Bewusstsein in eine existenzielle Krise geraten. Wie die griechische Mythologie darlegte, waren die hellenischen Götter bitter enttäuscht vom Menschengeschlecht, das die Erde mit Überbevölkerung und Untugenden plage. Deshalb planten sie eine Dezimierung der Menschheit und zettelten dafür die Trojanischen Kriege an. Ähnliches vernehmen wir auch aus der Bibel mit einem alttestamentarischen Gott, der als Bestrafung für unwürdige Menschen und Übernutzung der natürlichen Grundlagen die Sintflut entfesselte.

Schon am Übergang vom mythischen zum rationalen Bewusstsein hatte sich also die Frage nach der Daseinsberechtigung der Menschheit gestellt. Übernutzung, Überbevölkerung und damit verbundene Probleme schienen unlösbar und trieben die Menschen in eine spätmythische Depression. Zahlreiche Mythen alter Kulturen erzählen davon.

Offensichtlich konnte jene spätmythische Krise dann aber doch überwunden werden. Das ist aber nicht dem myhtischen Bewusstsein gelungen, das die Probleme verursacht hatte, sondern erst dem nachfolgenden, dem rationalen Bewusstsein mit einer neuen Weltsicht und frischen Lösungsansätzen.

Das rationale Bewusstsein ist ein Erfolgsmodell. Wissenschaft und Technik, Demokratie und Individualität, Notfallmedizin und Hygiene sind Beispiele für grossartige rationale Errungenschaften. Doch heute ist es wieder soweit. Seit dem 20. Jahrhundert ist das rationale Bewusstsein seinerseits in seiner Spätphase. Wieder sieht sich das bisherige Hauptbewusstsein fundamentalen Krisen gegenüber, die es nicht mehr selber bewältigen kann. Nach grossartigen Höhenflügen über einige Jahrhunderte hinweg hat das rationale Bewusstsein die Menschheit insbesondere mit der Klimakrise an einen Abgrund getrieben, von dem es mit seinem auf grosse Einzellösungen ausgerichteten Denken nicht mehr weg kommt.

Wichtige spätrationale Krisenthemen auf individueller und kollektiver Ebene:

  • Vereinzelung, Einsamkeit - Es ist ganz natürlich, wenn in der rationalen Welt das Individuum vor der Gesellschaft kommt, doch schafft die Entfremdung der Einzelnen vom Ganzen auch grosse psychologische Schwierigkeiten.
  • Ungleichheit, Entsolidarisierung - Leider wurde die Globalisierung ausschliesslich als wirtschaftliches Phänomen mit einer deutlichen Übergewichtung des Materiellen gestaltet. Die Wirtschaft muss wieder ein Mittel der Gesellschaft und der Menschen werden statt umgekehrt.
  • Erosion von Demokratie und Rechtsstaat - Als Gegenbewegung zur zunehmenden Komplexität in der post-rationalen Welt ist seit Jahren eine erschreckende Regression auf negativ-mythische Autokratieformen zu beobachten und ein beängstigender Hang vieler Menschen, sich unter die simplifizierende Führung durch einen "starken Mann" zu begeben.
  • Bevölkerungsexplosion und Migrationsdruck - Heute leben etwa 500-mal mehr Menschen auf der Erde als in der mythischen Spätphase, dennoch wird sich dieses Krisenthema auch ohne Dezimierungsübungen lösen lassen, falls die Lösungsansätze des fragmentischen Bewusstseins rasch genug eine Mehrheit finden.
  • Umweltzerstörung und Klimaerwärmung - Es gehört zu den Grundlagen des rationalen Bewusstseins, dass es unablässig nach mehr strebt, was auf Dauer unweigerlich zu Überbeanspruchung führt. Jetzt ist es soweit.

Und genauso wie das mythische Bewusstsein die spätmythische Krise nicht selber hatte überwinden können, kann das spätrationale Bewusstsein die Übertreibungen und Herausforderungen, die es selber geschaffen hat, nicht mehr selber auflösen. Zum Glück ist ab der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts die fragmentische Bewusstseinsform daran, sich neu zu entwickeln.

Hauptmerkmale des fragmentischen Bewusstseins sind Pluralität und Perspektivenwechsel. Während das mythische und das rationale Bewusstsein jeweils Anspruch auf das eigene Deutungs- und Lösungsmonopol erheben, ist das fragmentische Bewusstsein offener. Multilateralität unter Nationen, Respekt gegenüber unterschiellichen Weltzugängen und Lebensstilen wie auch mitfühlender Ausgleich gehören zu den vorbewussten Grundlagen des Fragmentischen. Kooperation kommt vor Konkurrenz und Kommunikation vor Konfrontation. Diese "weichen" Faktoren mögen auf den ersten Blick unbedeutend erscheinen, doch ohne ihre intensive Pflege werden die unweigerlich auf uns zukommenden Verteilungs- und Verdrängungskämpfe brutal und grausam werden.

Darüber hinaus erleichtern Pluralität und Perspektivenwechsel als wirkende Grundlagen des Bewusstseins persönliche Anpassungsleistungen, denn über die nächsten Jahre und Jahrzehnte werden nie dagewesene Veränderungen auf uns zukommen. Je leichter uns die Anpassungen fallen, desto weniger werden wir unter den Veränderungen leiden.

Auf methodischer Seite sind dezentrale Lösungen der wichtigste Schlüssel für das Bewältigen der Klimakrise. Dabei kommen Fragmente und Pluralität bestens zur Geltung. Sie lösen das rationale Streben nach zentralen Gesamtlösungen und den mythsichen Drang nach vergangener Einheit ab. Sehr viele unterschiedliche Massnahmen von vielen unterschiedlichen Menschen an vielen Orten dieser Erde werden als Schlimmste vielleicht noch verhindern. Entsprechende Anfänge sind durchaus bereits zu beobachten.

Zwei Faktoren sind heute beim Übergang vom rationalen zum fragmentischen Hauptbewusstsein allerdings anders als damals beim Übergang vom mythischen zum rationalen: Erstens umfassten die spätmythischen Probleme zwar die ganze eigene Kultur, was tatsächlich der eigenen "ganzen Welt" entsprach, aber natürlich nicht der ganzen Erde. Dagegen sind die grossen Probleme heutzutage wirklich global. Und zweitens nähert sich die Klimakrise sehr rasch diversen Kipppunkten, nach denen die Katastrophe nicht mehr abgewendet werden kann.

Falls es den Menschen dieser Erde gelingt, rasch genug fragmentische Lösungsansätze wirksam werden zu lassen, dann sollte es möglich sein, die spätrationale Klimakrise zu bewältigen. Zumindest bietet das fragmentische Bewusstsein Grundlagen für einen gewissen Optimismus.

Verletzlichkeit

Die traditionellen Bewusstseinsformen mit herkömmlichen Lehren der Medizin, Psychologie, Religion und Spiritualität suchen und beschreiben Wege hin zum Gesunden, Ganzen, Heilen, Perfekten. Das Negative im Dasein soll möglichst vollständig überwunden werden. Schmerzen und Leiden kommen lediglich vor als zu Überwindende. Diese Priorisierung auf das Positive ist völlig natürlich und gründet tief in der menschlichen Biologie, denn der Mensch zieht das Angenehme natürlicherweise dem Unangenehmen vor. Insofern sind die grossen Heilslehren ganz einfach Verlängerungen der Biologie in die Spiritualität. Und das Belohnungssystem im Gehirn ist das neurologische Korrelat zu religiösen oder spirituellen Sehnsuchtsorten wie Gott, Liebe, Licht oder Glücklichsein. Allerdings kommt es auch beim Glücklichsein auf die Dosierung an. Wie bei anderen Drogen. Einfach nur das Belohnungssystem zu bedienen, ohne auch Negatives ins Leben einzubauen, führt jedoch auf keinen Fall ins absolute Glücklichsein, sondern früher oder später in eine Verletzung hinein.

Im Fragmentischen Bewusstsein wird die bewusste Aufmerksamkeit nun aber ebenso sehr auf Brüche und Teile, auf das Nicht-Ganze und Nicht-Perfekte, auf Lücken und Fehlendes gelenkt. Die tiefe Basis dafür ist menschliche Verletzlichkeit und tatsächlich die Verletzlichkeit allen Lebens und allen Daseins.

Menschen sind verletzlich. Und sie werden auch verletzt.

Verletzlichkeit bezeichnet die bewusste Erfahrung, dass die Integrität des Menschen und anderer Wesen aufgrund von physischen, psychischen, kognitiven und existenziellen Begrenzungen nicht garantiert ist. Nicht nur der Körper, sondern auch das Selbstbild des Menschen, d.h. was und wer ein Mensch zu sein verpürt und vorgibt, wird im Leben immer wieder beschädigt, was natürlich schmerzhaft ist. Verletzlichkeit ist die Einsicht in die menschliche Verwundbarkeit und Sterblichkeit.

Man kann Verletzlichkeit als einen Mangel betrachten und denken, das Menschsein wäre perfekt, wenn man keine Verletzungen erleiden könnte. Das fragmentische Bewusstsein betrachtet Verletzlichkeit aber nicht auf diese Weise, sondern akzeptiert sie als Grundvoraussetzung des menschlichen Daseins. Aus dieser Perspektive trägt die Verletzlichkeit des Menschen zu seiner Vollkommenheit bei. Vollkommen im Leben heisst dann gerade: nicht perfekt.

Mit dem Nicht-Perfektem entstehen Bruchstellen und Lücken. Hier kann Schlimmes geschehen. Das ist die existenzielle Quelle von Agnst, Getrenntsein, Verletzung, Schmerz, Leiden. Es ist der Urgrund von Gewalt, Niedertracht, dem Schlimmen und dem Bösen. Verletzlichkeit lässt Lücken, durch die die aktuelle Integrität eines Menschen angreifbar wird. Nichts ist garantiert oder perfekt.

Doch da ist noch mehr.

Es kann nicht verwundern, dass der Mensch als Lebewesen in dieser Daseinsverfassung das Bedürfnis entwickelt, sich vor Verletzungen zu schützen, Schmerzen zu vermeiden und Belastungen loszuwerden. Das ist der existenzielle Antrieb für Bewegung und Veränderung. In einer perfekten Welt ohne Verletzlichkeit gäbe es weder etwas zu verlieren noch etwas zu gewinnen. Es gäbe keinen Grund, irgendetwas zu tun, irgendetwas zu verändern, ja überhaupt irgendetwas wahrnehmen zu wollen. Ohne diesen Antrieb wäre totaler Stillstand in der Welt und im Leben. Warum sollte sich ein Mensch in der Welt orientieren, wenn nichts und niemand ihn je irgendwie beeinträchtigen könnte? Erst in der Lücke, die durch Verletzlichkeit aufgeht, ist Tun, Wahrnehmung und Erkennnis nötig. Und wie sollte es im Universum etwas Verbindendes geben, wenn es kein Getrenntsein gäbe? Verbindende Liebe hat erst auf der Basis von Getrenntsein eine Bedeutung. Ohne Trennung keine Liebe. Ohne Krieg kein Frieden. Ohne Streit keine Versöhnung. Ohne Limitierungen keine Freiheit.

Existenzielle Verletzlichkeit eröffnet ein Spannungsfeld, ohne welches das menschliche Leben weder denkbar noch erfahrbar wäre. Hier entstehen sowohl die übelsten Verfehlungen, derer die Menschen fähig sind, wie Hass, Gewalt, Unrecht, als auch die wunderbarsten Errungenschaften, wie Frieden, Versöhnung, Liebe. Es ist ausschliesslich diese Lücke des Nicht-Ganzen und Nicht-Homogenen, aus welcher Menschlichkeit und alles Leben und Lebendige entspringt.

Wir können das Zen-buddhistische Koan auffassen als einen Satz mit einer inneren Spannung, als einen Denkspruch bei dem etwas nicht so richtig aufgeht, der aber trotzdem eine stimmige und wertvolle Aussage macht. So betrachtet präsentiert uns das fragmentische Bewusstsein die Welt als ein einziges grosses Koan und alles Dasein stets mit einer inneren Spannung. Auf der Handlungsebene können und sollen wir das Negative zu vermeiden. Doch auf keinen Fall können wir auf der Daseinsebene das Positive haben und das Negative nicht. Und das sollen wir auch nicht, denn ohne diese innere Spannung gäbe es überhaupt kein Leben.

Anders als in den meisten traditionellen Lehren, die das «wahre» Leben in einer wie auch immer gearteten nicht-materiellen Sphäre ansiedeln, wird mit Verletzlichkeit als Grundlage auf das irdische Dasein geschaut und die ganze Bandbreite von Glücklichsein und Liebe bis hin zu Schmerz und Leiden als das «wahre» Leben angesehen wird. Der traditionelle Verweis auf ein nichtfragiles Leben, auf eine unverletzliche Existenz, ist ein religiöses und spirituelles Angebot der Erlösung in einem transzendenten Jenseits, aber es ist nicht das irdische Leben selber. Dagegen ist Verletzlichkeit ein Ausdruck für die Tatsache, dass sich das menschliche Leben nicht in einem Paradies abspielt. Viel annehmbarer als früher zeigt sich die Welt jedoch gleichzeitig in all ihrer Widersprüchlichkeit und Grossartigkeit. Seit vielen Jahrtausenden haben die Menschen Techniken entwickelt, um das Heilige ins Profane zu ziehen. Und das völlig zurecht. Doch nach dem neuen Bewusstsein gilt ebenfalls: das Profane IST das Heilige.

Verletzlichkeit ist das Eingeständnis, manches nicht auszuhalten, nicht zu schaffen, nicht zu verstehen im Leben. Es gehört zum hiesigen Menschsein, dass man nicht alles ertragen kann. So fordert das fragmentische Bewusstsein uns alle heraus, mit Lücken und Wiedersprüchen Frieden zu schliessen, was emotional ziemlich anforderungsreich ist.

Es geht hier nicht bloss darum, festzuhalten dass das Bewusstsein nicht fähig ist, alles zu verstehen. Es ist aus dieser Perspektive nicht einfach so, dass die Welt schon vollständig geordnet ist, wir Menschen aber in diversen Punkten nicht in der Lage sind, das zu erfassen. Es geht auch darum, dass die Welt selber in Teilen ein unauflösbares Rätsel ist. Hier ist die Welt nicht fest gefügt und schint offen für Einflüsse des Bewusstseins. (Dazu später mehr im Kapitel "Evolutionäres Universum" unten und im Menüpunkt "Numonen".)

Existenzielle Verletzlichkeit bewusst akzeptieren heisst:
- Offen sein gegenüber den Limitierungen des Daseins
- Die menschliche Verwundbarkeit und Sterblichkeit annehmen
- Die eigene Inkarnation und Biografie bejahen
- Das Unschöne und Schlimme als existenziell Gegebenes annehmen (nicht um es zu tun!)

Der Mensch ist nachweislich gesünder, wenn er seine Verletzlichkeit akzeptiert. Im fragmentischen Bewusstsein ist es durchaus üblich, dass eine Person gleichzeitig im einen Fragment zufrieden ist und im anderen traurig, denn für sie gibt es sowieso immer wieder eine andere Perspektive und somit auch nichts wirklich Endgültiges. In einem früheren Bewusstsein (rational oder mythisch) gehört es sich, die tiefliegenden Belastungen möglichst zu überwinden, aber im fragmentischen können die negativen Gegensätze durchaus hingenommen werden. Dann ist der Mensch im Ganzen friedlich und vollkommen.

Fragmentierte Identitäten

Die Wahrnehmung eines Menschen als eigenes Selbst in der Welt ist seit je her Veränderungen unterworfen. Das rationale Bewusstsein hat das mythische Seelenselbst aus seiner Verbundenheit mit dem Stammeskollektiv herausgelöst und ein stolzes Individuum ins Zentrum der Weltwahrnehmung gestellt. Eine der ganz grossen Leistungen des rationalen Bewusstseins war es, den einzelnen Menschen als autonomes Ich-Selbst zu formen und ihnen einen stolzen Platz verschafft zu haben im Universum. Eine Selbstdefinition, die um rationale Ich-Identität kreist, konstruiert Kontinuitäten über stetige Zeit und homogene Identität hinweg. Dreh- und Angelpunkt ist die innere Homogenität ohne Bruchstellen. Doch unterdessen ist das rationale Bewusstsein in seiner Spätphase angelangt. Spätrationale Überforderungen auf individueller Ebene sind: Vereinzelung und Einsamkeit, Ungleichheit und Entsolidarisierung, Entfremdung des Einzelnen vom Ganzen, aber nicht die Teilbarkeit des Individuums.

Mit dem fragmentischen Bewusstsein wird sich dieses starke Selbstverständnis des autonomen Indviduums wieder schwächen. Die fragmentische Bewusstseinsform, die die Menschen in Zukunft beschäftigen wird, ist heute erst in Spuren erkennbar. Eine sorgfältige Extrapolation lässt bedeutende Veränderungen erwarten. Dies betrifft einerseits einen neuen Wirklichkeitszugang mit diversen Brüchen und Fragmenten in der Aussenwelt wie auch im Innern des menschlichen Selbst. Zukünftige Generationen werden vor allem zu Beginn mit Identitätsverlust und Desintegration des Individuums kämpfen. Vor allem letzteres - die Des-Integration des Individuums - dürfte zu irritierenden Phänomenen führen und die zukünftigen Persönlichkeiten ziemlich belasten. Heute mögen vor allem virtuelle und fiktive Identiitäten im Internet auf fragmentierte Persönlichkeitsstrukturen der Zukunft hinweisen. Für das rationale Ich ist die Möglichkeit von Identitätsverlust eine Bedrohung. Es wird nützlich sein, das homogene Ich-Individuum schrittweise zu zerlegen und herauszuarbeiten, wo Schwierigkeiten entstehen und wo Vorteile erkennbar werden.

Am Übergang vom rationalen zum fragmentischen Bewusstsein entgleitet sich das Individuum nun allmählich selber. Mehr und mehr werden innere Identitätsbrüche möglich sein. Das wird vor allem künftige Generationen betreffen, aber manche Menschen werden bereits heutzutage in Flashes damit konfrontiert und belastet. Was uns Menschen in Zukunft erwartet, ist erst in Ansätzen erkennbar. Aber auf drei Anfänge möchte ich bereits hinweisen: Erstens auf die Verbindung aller bisheriger Bewusstseinsformen, zweitens auf Computer & Internet und drittens auf wechselhafte soziale Orientierungen.

Die Menschen, welche sich dem post-rationalen Bewusstsein zuwenden, sind innerlich fragmentiert, indem sie auch die alten Bewusstseinsformen in sich aufnehmen. Neben der rationalen Ich-Autonomie wäre das beispielsweise mythische Kindhaftigkeit, transzendentes Jenseits, magische Körperlichkeit und sogar archaische Bewusstlosigkeit. Man kann die Fragmente nacheinander auf sich nehmen oder auch gleichzeitig. Dabei wird das homogene Ich Schritt für Schritt zerstückelt und mit den diversen Ich-Diskontinuitäten einige Verwirrung gestiftet. Namentlich zu Beginn, bis die fragmentischen Merkmale endgültig erworben sind. Reisen in die alten Wirklichkeiten sind ein Training im Auflösen von ich-zentrierten Kontrollbedürfnissen.

Virtuelle und fiktive Identitäten im Internet weisen meiner Erfahrung nach ebenfalls auf fragmentierte Persönlichkeitsstrukturen der Zukunft hin. In Sozialen Medien und Metaversen kann jemand ganz andere Eigenschaften eintragen als die eigene Persönlichkeit. Ein Metaversum ist ein digitaler Raum, der durch virtuelle und erweiterte Realität entsteht. So kann sich zum Beispiel ein Mann als Frau eintragen, oder eine Frau sich in einem übergeordneten Avatar verbergen. Eine Person kann so mit zwei oder mehreren sich widersprechenden Eigenschaften verbunden sein. Sowohl männlich wie weiblich. Gleichzeitig jung und alt. Sogar liebevoll und gewaltverliebt. In unserem Zusammenhang interessieren nicht etwa durchaus vorkommende klandestine Verschleierungen, sondern die Möglichkeiten mit Identitäten zu experimentieren.

Und weiter sind auch wandernde Geschlechtsidentitäten, wechselhafte sexuelle Orientierungen und Diversitäten im Sozialbereich Hinweise auf ein sich entwickelndes fragmentisches Bewusstsein hin. Dabei beginnt der Mensch, sich intensiver mit diesen Möglichkeiten zu befassen. Die Anzahl der Menschen, die ihr ursprüngliches Geschlecht verändern wollen, nimmt zu. Und noch viel häufiger sind wechselnde sexuelle Orientierungen, von heterosexuell zu homosexuell, oder umgekehrt, mal monogam mal polygam, oder auch zu pansexuell, oder sogar asexuell. Und zuweilen auch wieder rückwärts. Auch Diversity Management mit Merkmalen wie Geschlecht, Ethnie, Alter, Behinderung, sexuelle Orientierung und Religion deutet auf fragmentische Neuordnungen hin. Die modernen Gesellschaften leiden bereits unter dem entsprechenden Wettstreit zwischen Toleranz und Intoleranz. Das neuartige fragmentische Dasein mit Transparenz und Diskontinuitäten führt die postmodernen Individuen dazu, sich zu sampeln und ihr diverses Selbst zusammenzustellen. Das hat stets etwas Suchendes.

All die erwähnten Bereiche lassen erste Spuren fragmentischen Bewusstseins erahnen. Zukünftige Generationen werden veränderte Selbstwahrnehmungen noch viel intensiver erfahren und unweigerlich mit Ich-Auflösung, Identitätsverlust und Desintegration des Individuums kämpfen. Die Frage: "Wer bin ich?", braucht neue Antworten, wenn sich die Erfahrung eines homogenen Ich auflöst in zahlreiche Teilpersönlichkeiten, welche oft selber auch noch unfertig und flüchtig erscheinen.

P.S. Wenn wir ein Kollektiv ebenfalls als eigenständiges Selbst betrachten, dann lässt sich beobachten, wie gesellschaftlicher und politischer Konsens ebenfalls zerfällt. Fake News, alternative Fakten, blanke Lügen, flüchtige Meinungen werden auf die gleiche Stufe gehoben wie sorgfältig erforschte und begründete Tatsachen. Alles scheint irgendwie gleich gültig zu sein. Pluralistische Beliebigkeit, wonach alles irgendwie in Ordnung sei, vor allem auch das, was einem gerade passt, ist ein Zeichen für die Anfangsphase des fragmentischen Bewusstseins, in welcher vormals Einheitliches in mehrere Perspektive aufgelöst wird. Wie bei allen grössren Prozessen sind auch die Gegenkräfte am Wirken: Autoritäre Herrscher erzwingen kollektive Einheit mit zunehmend diktatorischen und repressiven Massnahmen. Und es gibt nicht wenige Menschen, die das auch gerne annehmen. Sie alle ziehen sich lieber zurück in eine magisch-mythische Kräfte- und Stammes-Gemeinschaft als vorwärts in das anstrengende fragmentische Dasein.

  Auspexis: Entwicklung des menschlichen Bewusstseins