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Pluralistischer Optimismus

Das rationale Bewusstsein kann die eigenen Probleme nicht mehr selber lösen.

Spätmythische Depression

Vor über zweitausend Jahren ist das spätmythische Bewusstsein in eine existenzielle Depression geraten. Beispielsweisie legt die griechische Mythologie dar, dass die Götter bitter enttäuscht waren vom Menschengeschlecht, das die Erde mit Überbevölkerung und sie selber mit Untugenden plagte. Deshalb planten die hellenischen Götter eine Dezimierung der Menschheit und zettelten unter anderem die Trojanischen Kriege an. Zahlreiche Mythen alter Kulturen erzählen ähnliche Geschichten über unwürdige Menschen. So auch die alttestamentarische Bibel mit einem Gott, der die Sintflut entfesselte, weil ihm das Menschwerk ganz und gar nicht gefiel.

Schon am Übergang vom mythischen zum rationalen Bewussstsein hatte sich also die Frage nach der Daseinsberechtigung der Menschheit gestellt. Ähnlich wie heute am Übergang vom rationalen zum pluralistischen Bewusstsein.

Offensichtlich konnte jene spätmythische Krise dann doch noch überwunden werden. Das ist aber nicht dem mythischen Bewusstsein selber gelungen, sondern erst mit einer neuen Weltsicht, die sich mit dem rationalen Bewusstsein entwickelte. Unter anderem gelang es dank rationaler Errungenschaften sehr wohl die Überbevölkerung zu bewältigen und die Ernährung wie auch das Zusammenleben von sehr viel mehr Menschen als damals zu organisieren.

Spätrationale Krise

Das rationale Bewusstsein ist ein Erfolgsmodell. Wissenschaft und Technik, Notfallmedizin und Hygiene sind enorme Errungenschaften. Doch 20. Jahrhundert ist das rationale Bewusstsein seinerseits in einer Spätphase, in einer fundamentalen Krise und überfordert.

Hauptsächliche spätrationale Überforderungen sind:
- Bevölkerungsexplosion und Migrationsdruck
- Umweltzerstörung und Klimaerwärmung
- Erosion von Demokratie und Rechtsstaat

Und genauso wie das mythische Bewusstsein die spätmythische Krise nicht selber hattte überwinden können, ist es nicht absehbar, wie das rationale Bewusstsein die globalen spätrationalen Übertreibungen und Herausforderungen, die es selber geschaffen hat, selber wird auflösen können.

Die Krise des Individuums

Dreh- und Angelpunkt des rationalen Bewusstseins ist das autonome Individuum. Eine der ganz grossen Leistungen des rationalen Bewusstseins war es, dem einzelnen Menschen einen würdigen Platz verschafft zu haben im Universum.

Doch unterdessen ist das rationale Bewusstsein in seiner Spätphase in eine fundamentale Krise geraten, was auch auf individueller Ebene bemerkbar ist.

Mit Sigmund Freud und C.G. Jung ist klar geworden, dass das rationale Individuum (lat. in-dividuum, un-teilbar) eben doch teilbar ist und von un-, unter- und überbewussten Sphären beeinflusst wird, die sich der willentlichen Kontrolle entziehen. Der Mensch ist nach einem Wort Freuds "nicht mehr Herr in seinem eigenen Haus".

Spätrationale Übertreibungen und Überforderungen auf individueller Ebene sind:
- Vereinzelung, Einsamkeit
- Ungleichheit, Entsolidarisierung
- Entfremdung des Einzelnen vom Ganzen

In der spätrationalen Depression entgleitet sich das Individuum selber.

Pluralistisches Bewusstsein

Ein Hauptmerkmal des pluralistischen Bewusstseins ist der Perspektivenwechsel.

Während das mythische und das rationale Bewusstsein jeweils Anspruch auf das eigene Deutungsmonopol erhoben haben, geht das pluralistische Bewusstsein davon aus, dass es für die Welt mehrere Deutungsrahmen gibt. So werden folgerichtig die alten Bewusstseinsformen und Wirklichkeiten wieder mit einbezogen. Dabei wird die wissenschaftliche Weltsicht des rationalen Bewusstseins ergänzt mit den heute zumeist als etwas weicher und spiritueller empfundenen Zugangsweisen des mythischen und transzendenten Bewusstseins.

Während im Zentrum des rationalen Bewusstseins das einzelne Individuum steht, beschäftigt sich das pluralistische hauptsächlich mit untereinander verwobenen Systemen. Wobei der einzelne Mensch ein System aus Systemen und innerhalb von Systemen ist. Und während das rationale Bewusstsein auf quantitative Aspekte des Daseins fokussiert, gewichtet das pluralistische Bewusstsein das Qualitative höher.

Empathie und Mitgefühl nehmen zu. Kooperation kommt vor Konkurrenz, Konfrontation vor Kommunikation

Pluralistischer Optimismus

  • Vor zweitausend Jahren konnte das rationale Bewusstsein die Überforderungen der mythischen Spätphase überwinden, weil es die Welt grundlegend anders betrachtete und gestaltete.
  • Die bedrohliche Krise einer Bewusstseinsform in ihrer Spätphase wurde also schon einmal bewältigt.
  • Heute steckt das rationale Bewusstsein in der Krise und wieder eröffnet eine neue Bewusstseinsform die Chance auf einen frischen Weltzugang.
  • Das pluralistische (und in deutlich geringerem Mass das integrale) Bewusstsein bietet Grund für Optimismus in Bezug auf die spätrationale Krise.
  Auspexis: geistig, seelisch, vital