Startseite

Bewusstseinsentwicklung der Menschheit

Bewusstsein und Wirklichkeiten

Die Evolution der Menschheit betrifft nicht nur ihre Gene, sondern auch ihr Bewusstsein. Über lange Zeit hinweg sind Bewusstseinsformen und Wirklichkeiten entstanden, die sich deutlich unterscheiden.

Eine Bewusstseinsform ist eine vorbewusste Struktur, die beeinflusst, was überhaupt ins Bewusstsein eines Menschen gelangt und wie es dort aufbereitet wird. Eine Wirklichkeit ist der entsprechende Weltausschnitt, mit charakteristischen Merkmalen und Tendenzen für die Weltwahrnehmung und Deutung.

Nachfolgend stelle ich die Bewusstseinsentwicklung über die Zeit dar. Es ist wichtig zu verstehen, dass uns auch heute noch alle Wirklichkeiten zur Verfügung stehen.

Wer sich in eine bestimmte Wirklichkeit hineinbegibt, setzt sich autuomatisch den Wirksamkeiten der entsprechenden Bewusstseinsform aus. Menschen, die sich in unterschiedlichen Wirklichkeiten befinden, haben nicht denselben Weltausschnitt zur Verfügung, weil ihr Bewusstsein die Welt anders aufbereitet und bewertet.

Gegenwärtig gibt es in der westlichen Welt eine grundsätzliche Rivalität zwischen dem mythischen und dem rationalen Weltzugang, der sich in zahlreichen persönlichen, politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen niederschlägt.

Archaisches Bewusstsein

Über das Bewusstsein der frühen Menschen können wir nur spekulieren. Der archaische Mensch war zweifellos in der Welt, aber er dürfte sich nicht wirklich bewusst mit dieser Tatsache beschäftigt haben.

Die archaischen Menschen waren vollkommen lebenstüchtig, sonst würde es uns heute nicht geben, aber in Bezug auf Bewusstseinsinhalte, Erfahrungen und Bedeutungen waren sie noch nicht geformt. Die archaische Bewusstseinsform brachte dem Menschen keine Unterscheidungen ins Bewusstsein. Der archaische Mensch war kein bewusstseinsmäßig abgegrenztes Individuum in einer bewusstseinsmässig erfassten Welt. Was das Bewusstsein betrifft, war der archaische Mensch nichts und gleichzeitig alles.

Dasselbe gilt für uns heutige Menschen, wenn wir rückblickend versuchen, das archaische Bewusstsein zu aktivieren. Dann sind wir alles und nichts. So betrachtet ist das archaische Bewusstsein ein Vor-Bewusstsein und Pseudo-Bewusstsein, denn es bedeutet Ichlosigkeit, Seelenlosigkeit, Weltlosigkeit und letzten Endes Bewusstlosigkeit. Und wohl gerade deshalb wird dieser Zustand gerne als natürliche und erstrebenswerte Einheit gesehen. Dann wirkt und lockt archaisches Bewusstsein als Sehnsucht nach Einheit und Einfachheit.


Magisches Bewusstsein

Über viele zehntausend Jahre hinweg entwickelte das magische Bewusstsein einen Weltzugang, mit dem nicht mehr nur in der Natur gelebt, sondern die Natur erlebt wurde. Jenen Menschen erschien nach und nach eine äußere und dingliche Welt. Sie haben die Geborgenheit in der archaischen Einheit verloren und kreisten mit ihrem Bewusstsein um Kräfte und Wirkungen in der Natur. Schrittweise begannen sie, Kräfte zu studieren und Rituale mit der Natur auszuhandeln. So entstanden in jener Zeit und auf der ganzen Welt erste Repertoires an Gebräuchen, um Kräfte zu beherrschen und durch sie zu wirken. In Ritualen, Beschwörungen, Zauber und Magie wurden die Kräfte der Natur in das Leben eingebunden.

Die magische Phase ist eine faszinierende Epoche, aber für uns moderne Menschen ist es nicht einfach, tief in die magische Wirklichkeit einzutauchen, weil sich unser heutiger Weltzugang sehr stark um Individualität und Zeitlichkeit dreht. Das Magische hat keine Vorstellung von einem abgegrenzten Selbst. Und wenn wir heute das magische Bewusstsein aktivieren, dann scheint sich unser Selbst aufzulösen, was natürlich auch Angst auslösen kann. Im Magischen existiert auch kein Zeitempfinden. Bewusstseinsinhalte werden vom magischen Bewusstsein nicht in eine zeitliche Ordnung gebracht.

Im zeit- und ichlosen magischen Bewusstsein kann Moral keine Rolle spielen. In ihm gibt es auch kein Subjekt, das eine Schuld auf sich laden oder ein Verdienst erringen könnte. Magisches Bewusstsein erlebt direkt Kräfte und ihre Wirkungen. Deshalb ist es auch die magische Wirklichkeit, in der Magie geschieht. Magie ist der absichtsvolle Umgang mit Kräften und Wirkungen außerhalb des physikalischen Spektrums.

Leider führt die Vertrautheit mit Kräften und Wirkungen im negativen Fall auch immer wieder zur Anwendung von Macht und Gewalt. Doch die unverstellte Natürlichkeit der magischen Wirklichkeit, die einer ungenierten Körperlichkeit entspricht, stellt umgekehrt auch für die modernsten Menschen eine unverzichtbare und wunderbare Ressource dar.


Mythisches Bewusstsein

Der Begriff des mythischen Bewusstseins kommt von «Mythos» im ursprünglichen Sinn als beutungsvolle Erzählung. Ein Mythos dient in erster Linie dazu, die Menschen einer Gemeinschaft über eine gemeinsame Weltsicht zu belehren und ihnen Zusammenhalt zu vermitteln.

In der Zeit nach der letzten Eiszeit tauchte im Menschen ein merkliches Selbst-Bewusstsein auf. Das magische Bewusstsein der Naturkräfte wurde ergänzt durch ein Bewusstsein der Seele und in mancherlei Hinsicht wurde der Mensch dadurch menschlich. Welch gewaltiges Potential das Seelische mit seiner innewohnenden Dynamik hatte, zeigt die Tatsache, dass alle frühen Hochkulturen dieser Erde in der zweiten Hälfte des mythischen Zeitalters entstanden sind.

Der mythische Mensch nimmt sich und seine Mitmenschen als beseelte Wesen wahr. Je nach Stammesmythos wird er auch Vorfahren, Stämme, Tiere, Pflanzen, Geländeformen, Felszeichnungen oder weitere Teile des Kosmos als beseelte Wesen achten. Das mythische Bewusstsein erzeugt auf diese Weise leicht eine tiefgreifende Verbindung von Menschen mit der umgebenden Natur, weshalb die Erde gerne als "Mutter Erde" bezeichnet wird.

Das mythische Bewusstsein ist weitgehend ein Stammesbewusstsein. Das einzelne Seelen-Selbst ist stets mit seinem Stamm und Kollektiv verbunden. Was dem Stamm geschieht, geschieht auch dem Einzelnen und was der einzelnen Seele geschieht, geschieht auch dem Stamm. Das mythische Kollektiv lässt sich typischerweise in der Form eines Kreises nieder. Innerhalb des eigenen Stammes spielt Loyalität eine grosse Rolle.

Es gibt Kulturformen, die alte magisch-mythische Techniken in unsere Tage gerettet haben. Kräuterfrauen zum Beispiel oder auch Schamanen. Schamanismus ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von mythischen Praktiken und Kosmologien. Ihnen ist gemeinsam, dass sie die Existenz nichtmenschlicher und nichtphysikalischer Kräfte und Mächte, die sie oft personalisieren, für selbstverständlich halten.

Dass das mythische Bewusstsein durch Loyalität und Geschlossenheit innerhalb einer Gemeinschaft gekennzeichnet ist, bedeutet umgekehrt leider auch, dass Aussenstehende als weniger wertvoll betrachtet werden. Diese ausschliessende Haltung ist ein höchst negativer Aspekt des mythischen Bewusstseins, der in unserer Gegenwart viele überflüssige Rivalitäten auf politischer, gesellschaftlicher, religiöser und kultureller Ebene auslöst.

Doch wenn wir heutzutage mythisches Bewusstsein aktivieren und in eine mythische Wirklichkeit eintauchen, dann können wir auch enorm profitiieren: Der mythische Zugang zur Natur ist jederzeit respektvoll, die Verbindung unter den Menschen eines Kreises gewogen, aber insbesondere ist es nützlich, das eigene Seelenselbst als tiefe Innerlichkeit zu erforschen. Das mythische Bewusstsein ist ein wunderbarer Herzöffner zur Welt der Menschen und zur Ebene der Lebewesen.


Transzendentes Bewusstsein

Das transzendente Bewusstsein ist ein bedeutsamer Spezialfall. Denn im Übergang vor über 2000 Jahren ist nicht nur das rationale, sondern auch das transzendente Bewusstsein aus dem mythischen hervorgegangen. Im mythischen Bewusstsein waren die Götter und Ahnen noch Teil der irdischen Welt, aber das nach-mythische Bewusstsein musste einen Ort finden, um die Erfahrung von etwas Überindividuellem und Übersinnlichem einzuordnen.

Mit dem transzendenten Bewusstsein wurde das Jenseits völlig vom irdischen Dasein abgetrennt. Es befasst sich mit dem Überindividuellen, Metaphysischen, Absoluten, Höheren, Spirituellen, Heiligen, Religiösen oder Mystischen in all seinen Facetten. Es ist wichtig, weil es einen wichtigen Beitrag zur Sinnfrage leistet. Jedes Bewusstsein und jede Wirklichkeit kann auf die großen Sinnfragen eines Menschen eine Teilantwort leisten. Auf welche Weise gibt es mich? Wieso bin ich hier? Was kommt nach mir?

Der Beitrag, den das transzendente Bewusstsein dazu leisten kann, ist zweifach. Einerseits eröffnet es den Zugang zu einem höheren Wissen, das mehr ist, als ein einzelnes Individuum je erwerben könnte. Damit erweitert es den Horizont ganz beträchtlich und hilft, individuelle Limitierungen zu überwinden. Zudem weiss es um kosmische Gegebenheiten und berichtet über Beschränkungen, gegen die auch das stärkste Individuum nicht ankommt. Die Verletzlichkeit des Menschen gehört auch dazu.

Kritisch ist transzendenter Monismus, der dogmatische Glaube an die eigene Weltsicht und die Rivalität anderen Weltzugängen gegenüber.


Rationales Bewusstsein

Die rationale Weltsicht bezieht durch die individuelle Vernunft hindurch auf ein materielles, physikalisches Universum. Mathematik und Wissenschaften suchen darin universell gültige Gesetze und Lösungen. Anders als mythische Lehren, die typischerweise innerhalb einer Gemeinschaft behalten werden, sind Theorien und Technologien von ihrem rationalen Selbstverständnis her auf Transparenz und Öffentlichkeit hin angelegt. Die rationale Welt der kausalen Wechselwirkungen ist in vielerlei Hinsicht eine sichere Wirklichkeit mit vorher nie dagewesenen Möglichkeiten; etwa in der Notfallmedizin oder Chirurgie.

Im rationalen Bewusstsein dreht sich eigentlich alles um das autonome Individuum. An die Stelle eines seelischen, traumhaften Selbsts, das sich vielfältigen mythischen Bedeutungs- und Beziehungszusammenhängen zugehörig empfindet, tritt mit dem rationalen Bewusstsein ein von sich selber her denkendes Ich-Selbst auf. Das rationale Subjekt nimmt stets eine perspektivische Position in Bezug auf ein als objektiv betrachtetes Äusseres ein.

So präsentiert sich das ichzentrische Selbst des rationalen Bewusstseins als autonome und im eigentlichen Sinn des Wortes Selbst-bewusste Einheit.

Eine der zentralen Errungenschaften des rationalen Bewusstseins ist die tiefgreifende persönliche Wahlfreiheit im eigenen Leben. Problematisch ist dagegen die Situation des entfremdeten Individuums, das an der Trennung des Ich-Selbstes von der Aussenwelt und von anderen Menschen leidet.


Pluralistisches Bewussstsein

Das pluralistische Bewusstsein ist noch jung. Es hat sich in der westlichen Welt seit den 1950er Jahren merkbar entwickelt. Es ist immer noch ein vernunftbasiertes Kopfbewusstsein, bringt jedoch qualitative Elemente stärker zum Zug als das auf Quantitatives fixierte rationale Bewusstsein. Dadurch wird der Mensch mitfühlender. Die Perspektive des jeweiligen Gegenübers nimmt an Wichtigkeit zu.

Das pluralistische Bewusstsein hat einen ausgeprägten Sinn für Perspektivenwechsel. Während das rationale Bewusstsein eine einmal eingenommene Sichtweise nur sehr ungern aufgibt, gefällt sich das pluralistische in der Veränderung. Das hat auch Nachteile, weil darin ein gewisser Hang zur Beliebigkeit steckt. Aber es gibt markante Vorteile. Erst das pluralistische Bewusstsein kann mit echter Pluralität, die auch Widersprüche enthält, umgehen. Es hat keine endlosen Deutungsmonopole mehr und so kommen auch die alten Bewusstseinsformen wieder ins Spiel. Der jahrhundertealte Wettstreit zwischen mythischem und rationalem Bewusstsein wird überwunden und alle Bewusstseinsformen erhalten ihre Berechtigung.

Mit dem Perspektivenwechsel als Paradedisziplin wird das pluralistische Bewusstsein fast automatisch ganzheitlicher (systemischer) und einfühlsamer. Das pluralistische Bewusstsein unterstützt eine partizipative und empathische Haltung des Menschen gegenüber anderen und der Natur. Dass dies keine leere Behauptung ist, zeigt beispielsweise die wissenschaftliche Forschung, die auch immer mehr vom pluralistischen Bewusstsein erfasst wird. Viele Wissenschaften sind in den letzten fünfzig Jahren systemischer und holistischer geworden. Folgerichtig ist dabei eine Bewegung vom Einzelnen zum Gesamten erfolgt. Die Biologie von Einzelorganismen hat sich zur Ökologie erweitert. Aus der Soziologie über das Verhalten einzelner Menschen haben sich Systemtheorien über das Verhalten von Massen entwickelt. Die Psychiatrie und Analyse der Einzelpsyche hat sich Familien- und anderen sozialen Systemen zugewandt. Aus Kognitionstheorien über das Denken von Einzelnen haben sich Theorien der sozialen Kognition entwickelt.

Das pluralistische Bewusstsein bringt das ein empathisches Element zur Geltung, wohlwollendes Mitgefühl, den Menschen, dem Kollektiv, Lebewesen und dem Universum gegenüber.


Integrales Bewusstsein

Erst in Spuren erkennbar ist die Integrale Bewusstseinsform, die die Menschen in Zukunft beschäftigen wird. Eine sorgfältige Extrapolation lässt bedeutende Veränderungen erwarten, welche einen völlig neuen Wirklichkeitszugang beinhalten. Das integrale Bewusstsein entwickelt beispielsweise den pluralistischen Perspektivenwechsel massiv weiter. Das pluralistische Bewusstsein nimmt eine Perspektive nach der anderen ein, das integrale Bewusstsein wird darüber hinaus in der Lage sein, mehrere Perspektiven gleichzeitig einzunehmen. Das führt zu höchst irritierenden Phänomenen, was die Logik, die Zeit- und vor allem die Selbstwahrnehmung betrifft.

Das Individuum wird vor größte Herausforderungen bezüglich seiner Integrität gestellt werden, denn im integralen Bewusstsein werden Identitätsbrüche möglich sein, die den rationalen Menschen verrückt machen würden. Deshalb ist es meines Erachtens unerlässlich, das pluralistische Spiel mit den Bewusstseinsformen zu üben und zu pflegen, damit wir dann bereit sind, wenn uns die integralen Herausforderungen plötzlich treffen. Das mag vor allem künftige Generationen betreffen, aber manche Menschen werden in Flashes bereits jetzt damit konfrontiert. Virtuelle und fiktive Identiitäten im Internet deuten möglicherweise bereits auf fragmentierte Persönlichkeitsstrukturen der Zukunft hin. Zukünftige Generatioenn werden unweigerlich mit Identitätsverlust und Desintegration des Individuums kämpfen.

Generell wird die Intensität des bewussten Weltzugangs und der bewussten Weltkreation im integralen Bewusstsein massiv zunehmen. Ein "evolutionäres Universum" dürfte die machtvollste Veränderung sein, die mit dem integralen Bewusstsein einzieht. Dabei wird von wechselseitig erzeugter Realität die Rede sein. Aus gerichteten Ursache-Wirkungs-Beziehungen dürften Ursache-Wirkungs-Ursache-Kreisläufe werden. Das System der Systeme wird evolutionär werden, weil die integrale Systematik nicht mehr hierarchisch gedacht zu werden braucht. Es gibt darin kein 'äußerstes' oder 'oberstes' System mehr.

In der Wirklichkeit des integralen Bewusstseins sind somit die Rollen von Schöpfer und Geschöpften nicht mehr eindeutig getrennt. Mit rückbezüglicher Bedingtheit schafft das Erzeugnis das Erzeugende, die Schöpfung den Schöpfer. Der integrale Mensch wird auf diese Weise nicht mehr nur innerhalb eines gegebenen Universums agieren, sondern ausgehend vom persönlichen Bewusstsein das Universum als Ganzes fein verändern.


Wir tragen alle Bewusstseinsformen in uns

Westliches Denken geht seit der Aufklärung davon aus, die alten Bewusstseinsformen endgültig überwunden zu haben, aber tatsächlich tragen wir auch die alten Bewusstseinsformen in uns.

Rund 40% der westlichen Menschen haben mythisches Hauptbewusstsein. Diese ziehen alte Kulturen und altes Wissen vor und sind durchaus skeptisch gegenüber moderner Technik und Wissenschaften. Ebenfalls rund 40% der Menschen haben rationales Hauptbewusstsein. Sie betrachten frühere Bewusstseinsformen als kindisch und lehnen sie ab. Aus diesen Gründen stehen mythisches und rationales Hauptbewusstsein einander meist als Rivalen gegenüber, sei es in der Politik, der Gesellschaft oder auf persönlicher Ebene.

Knapp 20% der Menschen haben pluralistisches Hauptbewusstsein. In diesem Bewusstsein wird erkennbar, dass wir heutigen Menschen meherere Bewusstseinsformen in uns tragen und uns in unterschiedliche Wirklichkeiten hineinbegeben können. So kann unsere Persönlichkeit ganz werden in der gesamten Welt.

  Auspexis: geistig, seelisch, vital