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Magische Finanzsysteme

Finanzsysteme rational betrachtet

Das Verhältnis von Finanzmärkten und Gesellschaft ist gestört. Da steht eine UBS praktisch von einem Tag auf den anderen vor dem Ruin, obwohl sie uns über Jahrzehnte weismacht, Risikoabschätzungen gehörten zu ihren Kernkompetenzen. Weder die Dotcom-Blase 2001 noch die Subprime-Krise 2007 noch die Staatsschuldenkrise seit 2009 hat man kommen sehen. Immer wenn ein grösserer Schaden entstanden ist, heisst es, man habe [hier bitte etwas einsetzen] unmöglich kommen sehen können.

Den Schaden tragen jedoch in aller Regel nicht die Finanzsysteme oder die Finanzakteure, sondern die einzelnen Menschen. In Griechenland 2009 konnte man exemplarisch beobachten, wie die Leute einfach sich selber überlassen worden sind und auf mythische (wohnen bei Familienangehörigen) und magische (Gemüse selber anpflanzen) Verhaltensweisen zurückgegriffen haben.

Nun ist es ja keine Schande, etwas nicht kommen zu sehen. Es sei denn, man verspricht genau das. Ein Kernmerkmal des rationalen Bewusstseins ist kausale Kontrolle. Der rationale Mensch will wissen, wie und warum etwas funktioniert. Dadurch lässt sich erschliessen, was bei einer gegebenen Ausgangslage geschehen wird. Das ist der Kern von Kausalität: Verursachungsketten erkennen und Voraussagen machen. In vielen Bereichen funktioniert das ganz gut. Wenn wir im Auto den Startknopf drücken, dann springt der Motor verlässlich an. Wenn wir eine Lasagne in die Mikrowelle schieben, dann kommt auch etwas Essbares heraus. Unsere vor-rationalen Vorfahren hätten uns ganz sicher um solche Vorhersagbarkeiten und die damit verbundenen Sicherheiten beneidet.

In der Ökonomie funktioniert Vorhersagbarkeit aber nicht wirklich. Ein Marketingleiter hat mir einmal gesagt: „Vom Marketingaufwand ist die Hälfte wirkungslos. Aber man weiss erst im Nachhinein, welche Hälfte.“

Die Ökonomie verkauft sich gerne als rationale Wissenschaft. Und tatsächlich sind viele Aspekte der Finanzwelt Erzeugnisse des rationalen Bewusstseins. Hochfrequenzhandel nutzt auf Höchstleistung getrimmte Hard- und Software. Derivative Finanzprodukte beruhen auf komplexer Mathematik. Die globale Ausrichtung der Hauptakteure ist ohne rationale, d.h. losgelöste, Individualität nicht vorstellbar. In den letzten zweihundert Jahren ist die Ökonomie auch mathematischer geworden. Aber dem Bedürfnis rationaler Gesellschaften nach Vorhersagbarkeit, kann sie heute genauso wenig nachkommen, wie früher als sie eher ethisch ausgerichtet war. Im Wirtschaftsteil der Zeitungen liest man dann Sätze wie diesen: „Zu praktisch keiner entscheidenden Frage der Geldpolitik gibt es verlässliche Antworten.“ (Tages-Anzeiger 6.9.2014)

Offensichtlich ist das rationale Bewusstsein nicht ausreichend, um mit ökonomischen Geschehnissen umzugehen. Ich denke, es ist sogar gefährlich, sich um Umgang mit grossen Finanzprozessen auf rationales Denken zu beschränken. Deshalb will ich hier ein paar Hinweise geben, was wir vom mythischen und vom magischen Bewusstsein lernen können.

Märkte mythisch betrachtet

Ursprünglich sind Märkte mythische Errungenschaften. Die Menschen haben schon vor tausenden von Jahren angefangen, mit Dingen (und nicht selten auch mit Menschen) zu handeln. Während die heutigen Finanzsysteme dem rationalen Bewusstsein entsprechend hoch abstrakt sind, sind mythische Handelsbeziehungen konkret und einsichtig. Mythisches Vertrauen unter den Akteuren spielt im Handel eine grosse Rolle. Der Ethnologe David Graeber (Schulden. Die ersten 5000 Jahre.) hat überzeugend dargelegt, dass Geld eigentlich erst nötig wurde, als die Menschen dem Versprechen nach Ausgleich mit Waren bei einem Handel nicht mehr trauen konnten.

Auch bei Finanztransaktionen spielt das mythische Bewusstsein eine wichtige Rolle. Als Bernard Madoff in den 2000er Jahren sein hochtrabendes Schneeballsystem verkaufte, hatte jeder rationale Mensch sofort erkennen können, dass die versprochenen Renditen unmöglich zu erreichen waren. Aber kein Mensch ist nur rational. Madoff gab den Teilnehmenden das Gefühl, bei etwas Wichtigem dabei zu sein.

Menschen wollen dazugehören. Sekten, Fanklubs von Sportvereinen, Zünfte, Rotary-Clubs, aber auch charismatische Menschen wie Bernard Madoff bewirtschaften dieses urmythische Bedürfnis. Das ist im Grunde alles überhaupt keine Problem, denn es ist ja durchaus schön, einer Community (die rationale Bezeichnung für den mythischen Stamm) anzugehören.

Heikel wird es, wenn die Menschen glauben, sie seien ausschliesslich rationale Wesen. Sie können ihre mythischen Bedürfnisse und Antriebe dann gar nicht erkennen. Und falls sie sie erkennen, dann müssen sie sie aufwändig rationalisieren, um in einer Gemeinschaft, die sich rational gibt, nicht dumm da zustehen. Völlig zu recht hat Herbert Simon, Träger des Nobelpreises für Wirtschaft, gesagt, die Wirtschaftswelt sei gut im Rationalisieren, aber nicht gut in Rationalität. Wenn wir akzeptieren, dass wir auch (!) mythische Menschen sind, dann brauchen wir weniger zu rationalisieren.

Die mythische Perspektive schärft zudem das Verständnis für Top-Down-Loyalität, die gerade in der Finanzwelt weitgehend verschwunden ist. Der mythische Anführer ist seinem Stamm verpflichtet und nicht umgekehrt. Die berühmt-berüchtigte Abzockermentalität des internationalen Managements wäre in einem mythischen Umfeld nicht möglich und würde hart sanktioniert. Auch das fragwürdige Privatisieren von Gewinnen und Sozialisieren von Verlusten wäre nicht möglich, wenn die Gesellschaft offen über die mythischen Bezüge diskutieren würde. Denn das mythische Bewusstsein schenkt den Anführern Vertrauen, erwartet aber auch echte Loyalität.

Finanzsysteme magisch

Das magische Bewusstsein ist noch sehr viel älter als das mythische. Unsere magischen Vorfahren (die Menschen der Altsteinzeit) hatten ganz sicher kein Finanzsystem, kein Geld und praktisch keinen Handel von Gütern. Dennoch können wir vom magischen Bewusstsein entscheidend lernen. Das hat mit der schieren Grösse der heutigen globalen Finanzsysteme zu tun.

Einzelne Hedge Funds verwalten derartige Summen von Geldern, dass sie ohne weiteres ganze Länder wie Griechenland oder Argentinien angreifen können. Wenn mehrere dieser mächtigen Player zusammenspielen und beispielsweise auf eine Erosion des Euro wetten, dann kann das sogar einen Wirtschaftsraum wie die Euro-Zone in Bedrängnis bringen. Wenn der Markt als Ganzes in eine bestimmte Richtung drängt (der Herdentrieb ist ein urmythisches Charakteristikum und viel stärker als rationale Erwägungen) haben auch die grössten Volkswirtschaften keine reelle Chance, die Welle aufzuhalten. Wenn sie dann noch taktische Fehler machen, wie etwa vor der Subprime-Krise 2007, als die US-Regulatoren unsinnige Ratings von Immobilienbündeln zuliessen, können auch sie die Krise nicht verhindern. Die wirklich betroffenen Bürgerinnen und Bürger können das sowieso nicht.

Gewiss haben magisch denkende Menschen gegen eine sich anbahnende oder bereits ausgebrochene Krise auch kein Patentrezept. Aber sie haben eine ganz andere Haltung gegenüber einem bedrohlichen Prozess.

Unwägbarkeiten magisch begegnen

Rationales Bewusstsein sucht Kontrolle. Nach grossen Krisen wird deshalb regelmässig mehr Transparenz gefordert und werden Regulierungen angepasst. Man braucht kein Genie zu sein, um einzusehen, dass das nicht genügen kann, um eine nächste Krise abzuwenden. Denn die Korrektur betrifft logischerweise die Vergangenheit. Die nächste Krise kommt dann einfach aus einer anderen Ecke. Man wird dann wieder hören, es sei unmöglich gewesen, das vorherzusehen. Was meist stimmt. Das Problem ist ja nicht, dass es unmöglich ist, etwas vorherzusehen, sondern dass es versprochen wird.

Ökonomische Krisen brechen über die modernen Gesellschaften herein, wie Naturkatastrophen über magische Gemeinschaften. Übermächtig und unkontrollierbar. Magische Menschen sind Meister im Umgang mit Unwägbarkeiten. Sie wissen, dass es Geschehnisse gibt, die schlicht grösser und mächtiger sind als sie selber. Magisches Denken sucht deshalb den Kontakt zu den Kräften, die hinter übermächtigen Geschehnissen liegen und versucht – modern ausgedrückt – einen Deal auszuhandeln: Es bittet um Verschonung und bietet im Gegenzug Respekt an. Das ist es, was wir vom magischen Bewusstsein lernen können.

Ein Rezept in fünf Schritten:

1. Rationale Limitierungen anerkennen

Nur schon dadurch, dass wir anerkennen, dass uns manche Geschehnisse übersteigen und überfordern, verändert sich die Situation grundlegend. Wir werden dadurch nicht nur bescheidener, sondern auch wachsamer. In Prozessen, die das menschliche Vermögen übersteigen ist Wachsamkeit wichtiger als Vorhersagbarkeit.

In dieser Haltung werden wir auch nicht mehr diejenigen Verhaltensweisen belohnen, die eine imaginäre Stabilität des Systems versprechen, sondern diejenigen, welche das System resilient machen, so dass es auch bei heftigen Ausschlägen weniger Schaden anrichtet.

Wir sind Menschen. Wir sind neugierig und grossartig. Aber wir sind auch endlich und limitiert. Diese Limitierungen lassen sich durch keine Theorien aus der Welt schaffen.

2. Personifizieren

Beim Personifizieren werden abstrakte Systeme als eigenständige Persönlichkeiten betrachtet. Ich nenne sie ‚noumenale Persönlichkeiten‘, die auf der Idee von ‚noumenalen Feldern‘ beruhen. Als Persönlichkeiten aufgefasst, lassen sie sich ansprechen.

Unsere magischen Vorfahren haben das ein bisschen anders gemacht. Sie haben sich nicht mit Persönlichkeiten (Subjekten) auseinandergesetzt, sondern mit Kräften. Wir heutigen Menschen sind dagegen auf Personen eingestellt. Das ist eine Folge der beiden wichtigsten Bewusstseinsformen unserer Zeit, der mythischen und der rationalen. Beide richten sich in ihrem Weltzugang auf Individuen aus. Die mythische mit dem noch stark verbundenen Seelenselbst, die rationale mit dem autonomen und isolierten Ichselbst. Deshalb fällt es heute sehr viel leichter mit Personifizierungen zu interagieren als mit Kräften. Es läuft jedoch auf dasselbe hinaus.

So kann man auch „Finanzsysteme“ als Ganzes als noumenale Persönlichkeiten betrachten. Oder man kann die öffentlichen und privaten Finanzsektoren unterscheiden und als separate Persönlichkeiten ansprechen. Oder geografisch und sachlich unterschiedene Märkte oder einzelne Volkswirtschaften oder was auch immer abgegrenzt werden kann und wird.

Manche werden einwenden, es sei kindisch und irrational, Abstrakta zu personifizieren, doch dem ist nicht so. Schon heute ergehen viele Gerichtsurteile „im Namen des Volkes“, Politiker verstehen sich als Vertreter ihres “Wählersegments“ oder es wird von „der Firma X“ gesprochen und diese als ein homogenes Wesen vorgestellt.

Wenn wir in den Bergen einen Felsbrocken auf uns zurollen sehen, springen wir zur Seite, weil wir wissen, dass der Fels sehr viel mehr kinetische Energie transportiert, als für uns gesund ist. Indem wir den Felsen personifizieren und in ihm zum Beispiel „den Berg“ erkennen, eröffnen wir eine neuartige Beziehungsdimension. Anders als beim Felsen, von dem wir wissen, dass er Naturgesetzen gemäss auf uns zurollt, werden wir einer noumenalen Persönlichkeit bis zu einem gewissen Grad eigene Interessen und einen eigenen Willen zusprechen. Insbesondere werden wir ihm einen Überlebens- und vielleicht auch Spieltrieb zugestehen. Das gilt erst recht für personifizierte Abstrakta, wie Finanzmärkte oder Volkswirtschaften. Weil sie in dieser Perspektive bis zu einem gewissen Grad einen freien Willen haben, können wir auch nicht immer vorhersehen, was passieren wird.

3. Manifestieren

Es ist sinnvoll, für personifizierte Abstrakta eine materielle Manifestation zu schaffen. Jede Art von dinglicher Repräsentation kommt dafür infrage. Das kann ein ganzes Gebäude sein, ein Objekt, eine Statue, ein Bild, ein Amulett oder was auch immer. So wird die abstrakte Entität in der Alltagswelt verankert. Damit sagen wir: Wir wissen, dass es dich gibt, und du bist es uns wert, einen gewissen Aufwand zu betreiben. Zudem gewinnen wir so einen Ort, an dem es leichter ist, mit der noumenalen Persönlichkeit in Kontakt zu treten.

Auch hier wird es rationale Einwände geben. Etwa die Versicherung, das sei infantil oder gehöre zu religiösem Gehabe. Aber auch diesen Einwurf kann ich nicht gelten lassen, denn derartige Manifestationen gibt es bereits jetzt zuhauf. Vor unzähligen Finanzinstituten auf der ganzen Welt stehen beispielsweise mehr oder weniger gelungene Kunstwerke, die einen Bären oder einen Bullen darstellen (z.B. vor der Börse in Frankfurt). Der Bär ist die Manifestation für den „Bärenmarkt“ in Erwartung fallender Kurse. Der Bulle steht für den „Bullenmarkt“ und die Erwartung steigender Kurse. Das ist nichts anderes als die Personifizierung einer abstrakten Idee und ihre dingliche Manifestation.

4. Kommunizieren

Wir können uns ohne viel Anstrengung vorstellen, dass ein Trader, der auf fallende Kurse gesetzt hat, am Abend die Börse verlässt und innerlich im Vorbeigehen zum Bären etwas in der Art sagt: „Bitte, lieber Bär, mach dass die Kurse fallen.“ Dann kommuniziert er mit der personifizierten und manifestierten Kraft fallender Kurse. Sicher weiss er auch, dass andere Trader auf steigende Kurse gesetzt haben, und entsprechend mit dem Bullen kommunizieren werden.

Für rein rational denkende Menschen sind das alles nur Metaphern ohne tiefere Bedeutung. Doch nur schon die Tatsache, dass solche Skulpturen aufgestellt werden, zeigt ja, dass der Mensch nicht nur rational ist. Magisch-mythisch denkende Mensch werden der Rivalität zwischen Bären- und Bullenmärkten ein Eigenleben zusprechen und die Gegenspieler zu beeinflussen suchen. Das tun sie in Ritualen. Rituale sind ein Bindemittel zwischen den Menschen, aber sie sind auch eine Kommunikation mit Kräften und Personifizierungen.

Rituale sind alles andere als selten in der Finanzwelt. Da ist beispielsweise die berühmte Glocke an der New Yorker Börse, die jeweils um 9.30 Uhr oder zu Handelsschluss um 16 Uhr geläutet wird. Natürlich wird das in der rationalen Wirklichkeit als reine Marketingveranstaltung verstanden. In Bereichen, in denen es schon fast Pflicht ist, sich als rationalen Menschen zu geben, kann es gar nicht anders sein. Von der Struktur her ist das Läuten der Glocke aber nichts anderes als eine Ehrerbietung an den Markt, von dem man hofft, dass er einen erfolgreich macht. Auch der ganze Parkett-Handel mit Leuten, die mit Zetteln Kurse aushandeln, ist eine völlig nicht-rationale Angelegenheit. Rein rational betrachtet ist floor trading schlicht überflüssig.

Als pluralistisch denkender Mensch würde ich ehrlich gesagt eher den folkloristischen Parkett-Handel aufheben und dafür die Kommunikation mit „dem Markt“ massiv ausbauen, denn diese bringt wirklich etwas. Nicht, indem wir dadurch an der Börse erfolgreicher würden (das wäre Woodoo-Zauber), sondern, weil sich unser Verhältnis zum Markt verändern würde. Und weil „der Markt“ im Gegenzug erfahren würde, dass es uns gibt. Das verändert auch ihn selber.

5. Kontakt aufnehmen

Während sich die Punkte 1.-4. in das sich rational gebende Umfeld hineingeschmuggelt haben, kommt nun ein Punkt dazu, der noch stärker magisch und mythisch geprägt ist. Das ist die bewusste – und nicht einfach beiläufige, wie beim erwähnten Trader – Kontaktaufnahme mit dem personifizierten Wesen.

Die noumenale Reise ist eine Technik, mit der es möglich ist, mit abstrakten Personifizierungen in Kontakt zu treten. Die Methodik vereinigt das Wissen der bisherigen Bewusstseinsformen der Menschen (der magischen, mythischen, transzendenten und auch rationalen). Dadurch wird es möglich in alle Wirklichkeiten zu reisen und so viel mehr von der Welt zu erfahren, als in einer einzigen Wirklichkeit allein. Man kann das mehr oder weniger intensiv manchen.

Versuchen Sie es. Stellen Sie sich vor, dass es die „Finanzsysteme“ als Persönlichkeit gibt. Sie brauchen gar nicht zu wissen, was und wer das genau ist. Bei vielen Menschen, denen wir begegnen, wissen wir ja auch kaum, wer und was sie sind und können dennoch Kontakt aufnehmen. Denken Sie einfach, es sei eine personenähnliche Figur, die mit Geld und Geldtransfer zu tun hat. Entspannen Sie sich, lassen Sie sich in einen Raum ziehen, wo sie dieser Persönlichkeit begegnen können und beobachten Sie dann, was geschieht. Können Sie etwas wahrnehmen? Ist „das Finanzsystem“ freundlich oder feindlich? Hört es Ihnen überhaupt zu? Die erste Begegnung ist immer ein Abtasten. Wenn die Reise intensiver wird, dann werden auch die Erfahrungen spannender und verblüffender. Viel Spass dabei.

Moderne Gesellschaften mit magischen Wirksamkeiten

Wenn wir beginnen, uns mit noumenalen Persönlichkeiten auszutauschen, nutzen wir eine magische Weltsicht in einem rationalen Umfeld. Das ist das, was das pluralistische Bewusstsein leistet. Durch die Kombination von Mitteln aus zwei Wirklichkeiten entsteht etwas Neues. Ich habe oben mehrere Beispiele angeführt, um zu zeigen, dass wir das sowieso tun. Einfach deshalb, weil wir die alten Bewusstseinsformen und ihre Bedürfnisse immer noch in uns tragen. Problematisch ist jedoch der Versuch, das Leben ausschliesslich rational zu erklären und zu führen. Die nicht-rationalen Komponenten sind ja auch nicht einfach irrational. Sie sind sehr logisch, auch wenn sie einer anderen Logik folgen als der rationalen.

Bei derart mächtigen Grössen wie den globalen Finanzmärkten wird der Einbezug magischer Logik zunächst einmal dazu führen, dass wir etwas bescheidener werden. Das ist Demut ohne Unterwürfigkeit. Dadurch werden wir wachsamer. Und sicher auch ein bisschen misstrauischer denen gegenüber, die behaupten „das Rezept“ zu haben. Wir werden auch aufmerksamer uns selber gegenüber und unseren Bedürfnissen nach Verschonung und Glück.

Dann werden wir versuchen – so wie es unsere magischen Vorfahren vorgemacht haben – Einfluss zu nehmen. Die „Märkte“ als noumenale Persönlichkeiten sind durchaus empfänglich für unseren Input, denn nicht nur sie repräsentieren – magisch betrachtet – Kräfte: wir tun das auch. Unsere Kräfte dürfen wir mit der nötigen Bescheidenheit und mit dem gebotenen Nachdruck geltend machen.

Dieser Einfluss zielt nun aber nicht mehr darauf ab, die Dinge noch besser zu verstehen und auf alle Fälle zu vermeiden; das tut schon das rationale Bewusstsein, das wir ja nicht aufheben. Vielmehr werden wir uns den Märkten mit unseren Bedürfnissen und Ängsten zeigen. Das verändert die Märkte als noumenale Persönlichkeiten, uns selber und die Gesellschaft, in der wir leben.

In den letzten zwanzig Jahren unserer Gegenwart sind die Finanzmärkte zu Mächten geworden, denen nichts und niemand mehr gewachsen ist. Auch die mächtigsten Männer und Frauen der Welt, auch die größten Staaten dieser Erde vermögen nicht mehr gegen die Wucht ihrer Mechanismen anzukommen. Ich denke, es wäre angemessen, die Finanzmärkte auch aus mythischer und magischer Perspektive zu betrachten. In den alten Wirklichkeiten sollten wir den Finanzmärkten Altäre errichten. Dort sollten wir über noumenale Prozesse mit ihnen Kontakt aufnehmen und ihnen von Zeit zu Zeit als Zeichen der Demut ein symbolisches Opfer bringen. Das könnte beispielsweise eine Münze sein, die wir deponieren, so wie mythisch versierte Menschen eine Münze in den Trevi-Brunnen in Rom werfen. Nicht etwa mit der Absicht, eine Kontrolle zu übernehmen, die es nicht gibt, sondern im Bestreben, mit Kräften in einen Austausch zu treten, die größer sind als wir. Um sie besser kennen zu lernen und unsere Bedürfnisse kundzutun. Das würde das Verhältnis von uns Menschen und den Finanzmärkten aufgefasst als noumenale Felder massiv verändern und bis zu einem gewissen Maß auf eine neue (bzw. alte) Basis stellen.

  Auspexis: geistig, seelisch, vital