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Habe Mut

Kinder der Aufklärung

Wir sind Kinder der Aufklärung. Nicht unbedingt in dem Sinn, dass wir alle von unseren Eltern en détail instruiert worden wären, wie das mit der Liebe und dem Sex genau läuft. Aber in dem Sinn, dass wir alle in einer Kultur leben, die vor rund zweihundert Jahren das Zeitalter der Aufklärung durchlaufen hat.

Philosophen in Europa und Nordamerika haben damals den Verstand, die individuelle Vernunft, als Hauptinstanz zum Beurteilen von Fragestellungen ausgerufen. In diesem Zusammenhang veröffentlichte der Philosoph Immanuel Kant 1784 seine Abhandlung: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Darin findet sich sein berühmter Satz: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

Die Denker jener Zeit wollten sich nicht mehr länger von der Kirche vorschreiben lassen, welche Fragen und Antworten erlaubt seien. Und sie wollten sich nicht mehr länger vom Staat diktieren lassen, welche Kirche gerade genehm sei.

Die Aufklärung war der intellektuelle Startschuss zu einem einzigartigen Aufschwung der Wissenschaften. Und schliesslich auch für all die technischen Erfolg, die unser Leben seither prägen.

Rationale Errungenschaften

Ich halte die meisten rationalen und technischen Errungenschaften für positiv. Ich habe Philosophie und Mathematik studiert. Ich bin fasziniert von den Raumfahrt-Expeditionen zum Mars. Ich mag Pizza aus dem Tiefkühler. Ich bin froh, um die moderne Notfallmedizin und Chirurgie. Ich schaue gerne Dokumentationen am TV.

Und dennoch bin ich bei der Entwicklung höchst unwohl, was die Aufklärung betrifft.

Wenn ich in rationalen Gesprächen jeweils andeute, dass ich mich mit spirituellen, schamanischen oder noumenalen Ideen beschäftige, hält man mir jeweils entgegen, damit gleite ich in Zeiten vor der Aufklärung zurück. Damit mache ich Aberglaube wieder salonfähig. Das sei im Grunde eine Regression ins Kindesalter.

Ich kenne die rationalen Argumente, denn ich habe sie jahrelang selber vertreten.

Deutungshoheiten

Die Wissenschaften, und vor allem die Naturwissenschaften, werden dabei zum Massstab aller Überlegungen gemacht.
Oder negativ formuliert: Was von den Naturwissenschaften nicht erklärt werden kann, wird ausgeschlossen.
Oder noch einmal anders gesagt: Den Naturwissenschaften wird die Deutungshoheit über die Welt übertragen.

Nachdem die historischen Aufklärer sich erfolgreich gegen die Deutungshoheit von Kirche und Staat gewehrt haben, wird diese von den heutigen Aufklärungs-Anhängern nun den Naturwissenschaften zugewiesen.

Doch wo bleibt da die individuelle Vernunft? Wo bleibt da der Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen?

Grenzen des Rationalen

An einem bestimmten Punkt in meinem Leben hat mein eigener Verstand den Gedanken zugelassen, dass es vernünftig sein kann, die alleinige Deutungshoheit auch der Wissenschaften zu hinterfragen. Dadurch werden die Leistungen der Wissenschaften nicht geschmälert, bloss in einen grösseren Rahmen gestellt und relativiert.

Dennoch habe ich jahrelang mit mir gekämpft, weil ich es anmassend fand, mit meiner persönlichen Vernunft gegen die etablierten Wissenschaften anzutreten. Und ich finde das auch heute oft noch etwas übermütig.

Deshalb erinnere ich mich gerne daran, was Kant vor über zweihundert Jahren gefordert hat: Sich mutig mit der gerade herrschenden Kollektivansicht auseinanderzusetzen. Offen zu sein, ob man richtig liegt oder nicht. Intellektuell zu prüfen, ob es möglich ist, die eigene Meinung aufrecht zu erhalten.

Das habe ich nun doch schon ein paar Jahre gemacht. Ich habe darauf verzichtet, wie viele spirituelle Autoren und Autorinnen den einfachen Weg zu gehen und das Rationale kurzerhand mit Geringschätzung abzutun. Stattdessen habe ich versucht, mit rationalen Überlegungen einen Weg aus der rein rationalen Wirklichkeit hinaus zu finden. Schliesslich war das gar nicht so schwer.

Denn die rationalen Denker, Wissenschaftler und Forscher haben die Grenzen des Rationalen selber aufgezeigt. Das sind Grenzen der Letztbegründung in der Logik und Mathematik, wie sie etwa in der Axiomatik aufscheinen. Das sind Grenzen der Objektivität in der Forschung, wie sie beispielsweise in der Quantenphysik und Wissenschaftstheorie diskutiert werden. Und das sind Grenzen der Individualität in der Psychologie, wenn klar wird, dass ein Individuum alles andere als ein homogenes Selbst ist.

Noumenale Ordnungen

Leider werden diese prinzipiellen Limiten des Rationalen, die nun auch schon seit rund hundert Jahren bekannt sind, nur selten zur Kenntnis genommen. In der wissenschaftlichen und erst recht in der gesellschaftlichen Praxis tut man so, als ob es keine Rolle spielt, dass es prinzipielle Einschränkungen des Rationalen gibt. Aber diese Einschränkungen, so abstrakt sie sein mögen, rehabilitieren vor-rationale, nicht-rationale oder nach-rationale Ordnungen teilweise. Ich nenne diese nicht-rationalen Ordnungen noumenal: geistig, seelisch, vital.

Der Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, ist auch heute noch nötig. Aber anders als vor zweihundert Jahren führt das nicht einfach zu einer eine Zuspitzung auf das Rationale, sondern auch über das Rationale hinaus. In diejenigen Wirklichkeiten hinein, in denen es andere Logiken und andere „Dinge“ gibt als in der rationalen allein.

Das macht Spass, ist bereichernd und sehr gesund.

Darüber werde ich in diesem Blog schreiben.

(27. Juni 2014)

  Auspexis: geistig, seelisch, vital