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Die noumenale Reise

Da ist noch etwas...

Wer sich bewusst mit sich und der Welt auseinandersetzt, steht immer wieder vor der Frage, wie man sich mit Phänomenen auseinandersetzten soll, die es nach rationaler Auffassung gar nicht geben kann. Mit Naturkräften, mit Wirkungen der Seele, mit heiligen Wesen oder auch mit personifizierten Kollektiven. Die rationale (und vermeintlich aufgeklärte) Haltung ist klar: solche „Dinge“ werden als Fantasien oder sogar Halluzinationen abgetan. Das ist in vielen Situationen tatsächlich sehr passend. Wenn ich ins Flugzeug steige, vertraue ich darauf, dass der Pilot mithilfe von Physik und Technik fliegt und nicht mit angeklebten Federn wie Ikarus. Wenn ich auf der Notfallstation des Spitals liege, bin ich froh, wenn der Arzt keinen Exorzismus versucht.

In anderen Lebenslagen ist die rational-materialistische Sicht aber sehr einschränkend. Viele moderne Menschen ahnen deshalb, dass da „noch etwas sein“ muss, das über eine rein rationale Weltsicht hinausgeht

Wie jedoch kann man sich mit einem solchen „Etwas“ auseinandersetzen? Das rationale Bewusstsein legt den Rahmen für das, was es geben kann (die Ontologie) sehr eng. Und logischerweise bietet es auch keine Methoden an, um darüber hinaus zu gelangen. Ein Glück deshalb, dass sich seit den 1960er Jahren das pluralistische Bewusstsein immer stärker bemerkbar macht. Dieses fasst das Denken weiter und verlegt den Schwerpunkt vom Individuum auf das System, vom Einzelnen auf das Ganze.

Die schamanische Reise

In die pluralistische Aufbruchszeit fallen auch die Forschungen von amerikanischen Anthropologen wie Michael Harner oder Carlos Castañeda. Sie haben erkannt, dass die schamanische Reise, der sie auf ihren Expeditionen zu fremden Völkern begegnet sind, nicht einfach ein veralteter Ritus von mythischen Kulturen ist, sondern auch für westliche Menschen nützlich sein kann.

In den 60er und 70er Jahren ist die schamanische Reise auch als psychedelische Reise ausgiebig erprobt worden. Viele Menschen erforschten unterschiedliche Bewusstseinszustände und ihren Einfluss auf ihr Wohlbefinden.

Eigenständige Wirklichkeiten

Wer eine Reise tut, schaut aber nicht nur in seinen Kopf und beobachtet Bewusstseinszustände. Wer eine Reise tut, geht auch irgendwo hin, verlässt eine Gegend und bereist eine andere. Im Standardmodell der schamanischen Reise sind das Exkursionen in die sog. untere, die obere und die mittlere Welt. Für traditionelle Schamaninnen und Schamanen, die weitgehend in der mythischen Kultur verankert sind, sind diese Welten nicht einfach mentale Erzeugnisse, sondern eigenständige und mindestens ebenso reale Wirklichkeiten, wie die materielle.

Das gilt auch für die noumenale Reise: Eine Reisedestination ist eine eigenständige Wirklichkeit und nicht bloss ein mentales Konstrukt. Eine Wirklichkeit ist eigenständig, wenn dort externe Reize auf einen wirken können, die sich nicht beliebig verändern lassen. So ist es, wenn wir in der rationalen Wirklichkeit nach Paris reisen. Wir können das visuelle Bild, das wir vom Eiffelturm haben, nicht einfach nach Belieben anpassen, so sehr wir auch wollen. So ist es auch, wenn wir eine intensive schamanische oder noumenale Reise machen. Wir machen Wahrnehmungen, die wir nicht beliebig selber festlegen können. Zuweilen begegnen wir sogar ziemlich überraschenden und reichlich hartnäckigen externen Stimuli. Dann können wir sagen, dass wir in einer eigenständigen Wirklichkeit echte Wahrnehmungen machen, die mehr sind als blosse Imaginationen.

Die noumenale Reise führt allerdings nicht nur in die untere, mittlere und obere Welt, wie das in der schamanischen Standardkosmologie der Fall ist. Das ist eine Klassifikation eines reifen mythischen Bewusstseins. Stattdessen wird für die noumenale Reise ein Modell des pluralistischen Bewusstseins zugrunde gelegt. Dabei führt die Reise aus der rationalen Wirklichkeit hinaus an „bedeutsame Orte“ in der mythischen, magischen oder transzendenten Wirklichkeit, seltener auch in der integralen.

Bedeutsame Orte

Bedeutsame Orte sind Felder mit einem für die Reise relevanten Bezug. So kann man beispielsweise an den Ort reisen, wo die Familienseelen sind und wo man ihnen begegnen kann. Oder an den Ort/Zeitpunkt in der Kindheit, an dem etwas Schlimmes geschehen ist und wo man alte Verstrickungen auflösen kann. Oder man kann den Raum des übergeordneten Sinnes aufsuchen, wo vielleicht erfahrbar ist, dass alles, was geschieht Sinn macht. (Ob man den Sinn dann auch erkennt und versteht, ist eine andere Frage. Aber zu spüren, dass es einen Sinn für alles geben kann, was zuweilen so unverständlich und vielleicht auch empörend ist auf der Welt, oder auch nur zu ahnen, dass es ihn geben könnte, ist auch schon ziemlich einprägsam.)

Es gibt sehr viele Möglichkeiten für bedeutsame Orte abhängig von Reiseabsicht, Umständen und Vorlieben.

Grundstruktur der noumenalen Reise

Eine noumenale Reise hat fünf Phasen:
(1) Absicht
(2) Reduktion der rationalen Bindungen
(3) Erzeugen von Resonanz mit der Zielwirklichkeit
(4) Reise in der noumenalen Wirklichkeit
(5) Rückkehr

(1) Absicht. In der Absicht wird ein persönliches Anliegen formuliert. Meist wird auch schon festgelegt, in welche Wirklichkeit und an welchen bedeutsamen Ort die Reise führen soll. Zuweilen ist das Auffinden des Ortes selber auch ein Teil der Reiseabsicht. Je intensiver, ehrlicher und bedeutsamer eine Absicht, desto wirksamer die Reise.

(2) Reduktion der rationalen Bindungen. Das ist eine dissoziative Phase, in der die rationalen und alltagswirklichen Einflüsse abgeschwächt werden. Viele Meditationstechniken tun das, indem sie auf etwas ganz Bestimmtes fokussieren (in ganz anspruchsvollen Übungen auf: nichts). Für die noumenale Reise wird eine leichte Trance gesucht. Die Trance braucht nicht ekstatisch zu sein, wie es bei vielen indigenen Schamanen oft der Fall war und ist. Unsere westlichen Trancen sind eher leicht, aber das funktioniert ganz gut so, denn unser kultureller Bewusstseinshintergrund ist ja auch ein rationaler und nicht ein mythischer.

Diese Phase aus der rationalen Wirklichkeit hinaus ist eine Bewusstseins-Einschränkung. Die Bewusstseins-Erweiterung kommt erst jetzt:

(3) Erzeugen von Resonanz mit noumenaler Zielwirklichkeit und bedeutsamem Ort. Dies gelingt dann am besten, wenn es gelingt, das Hirn davon zu überzeugen, nicht nur dingliche und mentale Entitäten ins Bewusstsein zu lassen, sondern auch Entitäten mit einer noumenalen Ontologie. In der schamanischen Reise, die v.a. eine mythische Reise ist, sind das typischerweise Landschaften, Krafttiere und –pflanzen sowie mythische Verbündete. In der noumenalen Reise kommen unter anderem abstrakte und kollektive Entitäten dazu, aber auch heilige und überpersönliche Wesenheiten.

Als Kondensationskern für Resonanz wird ganz bewusst eine absichtsvolle Zielvorstellung erzeugt. Da die meisten Menschen visuell veranlagt sind, ist das meistens eine bildhafte Vorstellung. Dann wird der visuelle Cortex angeregt, auch andere Wahrnehmungsinhalte für das visuelle Bewusstsein aufzubereiten als physikalische Raumzeitkörper.

Die Zielvorstellung steht an der Schwelle von rationaler Wirklichkeit und einer noumenalen Zielwirklichkeit. Als Imagination ist die Zielvorstellung mental, subjektiv und noch innerhalb der rationalen Wirklichkeit. Als Resonanzgeneratorin reicht sie jedoch in die übersubjektiven noumenalen Wirklichkeiten hinein, deren Echo schliesslich eine echte Wahrnehmung erzeugt. Der Übergang in die noumenalen Wirklichkeiten ist der Moment, an dem eine Visualisierung zur Wahrnehmung von externen Reizen wird.

Dient die Fokussierung in Phase (2) noch der Dissoziation von den rationalen Limitierungen, so werden in Phase (3) expansivere, diffusere Zustände angestrebt, in denen „assoziative Prozesse“ (Ralf Metzner) dominieren und denen man sich hingeben kann.

(4) Reise in der noumenalen Wirklichkeit. Jetzt kann die eigentliche Reise geschehen. In einem Flash kann das nur ein paar Sekunden dauern, in der Regel gelingt es den meisten Menschen etwa zehn bis zwanzig Minuten in diesem Zustand und damit an dem entsprechenden bedeutsamen Orten zu bleiben und sich dort zu bewegen. Viele Menschen haben dabei präzise visuelle Wahrnehmungen. Viele aber auch nicht. Manche „sehen“ wenig bis gar nichts, aber sie spüren, ahnen oder wissen, was geschieht. Auf jeden Fall wird in dieser Phase etwas erlebt, das in der Rückkehr als Geschichte erzählt werden kann und sollte.

(5) Rückkehr. Jede noumenale Reise endet mit der bewussten Rückkehr. Dieser Punkt ist weniger banal, als er vielleicht klingt. Rückkehr heisst: Orientierung in der dinglichen Wachwirklichkeit mit einem Ich als Zentrum. Diesem Ich wird nun eine Abenteuergeschichte über Erlebnisse in Wirklichkeiten erzählt, in dem das Selbst vielleicht andere Formen hatte oder sich sogar fast ganz aufgelöst hat. Das ist ein Transfer von Wirkungen und Transformation von Erfahrung in Erkenntnis.

Erlebensmomente

Es ist nicht das Spektakuläre, das eine noumenale Reise ausmacht, sondern ihre Bedeutung. Wer das Spektakuläre sucht, droht das Wesentliche zu verpassen. Wer sich den Bedeutungsfeldern und –orten hinzugeben vermag, kann ganz verblüffende Inputs erhalten.

Eine noumenale Reise wird nicht durch allfällige Erkenntnisse wirksam. Die Hinweise, die wir erhalten, dienen vor allem der Verankerung des Erlebten in der Alltagwirklichkeit.

Das entscheidende Moment ist das Erleben einer Geschichte. Für viele Teile des Gehirns ist es völlig unerheblich, ob etwas in der physikalischen Welt oder in einer noumenalen Wirklichkeit erlebt wird. Für diese Teile sind die Erlebnisse während einer noumenalen Reise genauso real, wie Erlebnisse in der rationalen Wirklichkeit.

Mit solchen Erlebensmomenten kann Heilung geschehen, wie es der mythische Schamanismus anstrebt. Und dabei können neue Perspektiven erlernt und eingeübt werden, wie es in der noumenale Terminologie heisst.

Abgesehen von Inspiration, Heilung oder Perspektivenwechsel können noumenale Reisen ganz einfach auch Wellness für die Seele sein. Dann tun sie schlicht und einfach gut.

  Auspexis: geistig, seelisch, vital